Hans Haarmeyer

Geschäftsmodelle, die über Generation hinweg tragen, gehören der Vergangenheit an. Wer als Unternehmer auch in Zukunft erfolgreich agieren will, muss zum Wandel bereit sein, weiß Hans Haarmeyer. Was es braucht, um in Zeiten der Ungewissheit zu bestehen und warum das deutsche Schwarz-Weiß-Denken die Sanierungs- und Gründerkultur hierzulande behindert, erklärt der return-Herausgeber im Interview.

Herr Haarmeyer, mit return haben Sie ein Magazin mit dem Fokus auf Transformation und Turnaround ins Leben gerufen. Warum sind diese Themen Ihrer Meinung nach so wichtig für Unternehmer und Entscheider?
Diese beiden Begriffe sind für den nachhaltigen Bestand vorhandener Unternehmen die entscheidenden Faktoren für die Zukunftsfähigkeit. Der rasante Wandel in der weltweiten Wirtschaft und die globale Verfügbarkeit neuer Geschäftsmodellle zwingt jedes Unternehmen letztlich dazu, Transformation und Restrukturierung als festen Bestandteil veranwortlicher Führung in das Tagesgeschäft aufzunehmen und nicht erst dann zu reagieren, wenn sich Krisen anbahnen oder schon zeigen.

Krisen und Scheitern – beides ist nicht immer zwingend nur negativ. Zumindest hat man das in den USA längst erkannt. Wie sieht es in Deutschland aus?
Dass Scheitern die Quelle für innovative und kreative Entwicklungen ist, beweisen ja nicht nur die Naturwissenschaften tagtäglich und dass einmal gescheiterte Unternehmer langfristig die besseren Führungskräfte sind, belegen alle Unterssuchungen und Befragungen. In unserem deutschen Schwarz-Weiß-Denken jedoch schwingt neben dem Neid auf Erfolgreiche stets auch der moralische Vorwurf an den Gescheiterten mit, selbst schuld zu sein. Die sich damit dann verbindende gesellschaftliche Stigmatisierung lähmt sowohl den in der Krise befindlichen Unternehmer, also auch den Gründer, sodass wir gerade aus diesem Grund weder eine Sanierungs- noch eine Gründerkultur in Deutschland haben.

Beim Gläubigerkongress werden Sie durch das Programm führen und Podiumsdiskussionen moderieren – unter anderem zum Thema „Zukunftssicher auch in Krisen“. Gibt es ein Patentrezept, um Krisen zu meistern?
Wie im richtigen Leben gibt es auch in der Wirtschaft keine Patentrezepte – wie wollen Sie auch als planender Unternehmen damit umgehen, dass nun plötzlich zum Beispiel ein notorischer, selbstverliebter Lügner an den Hebeln auch der wirtschaftlichen Macht in den USA sitzt und gewachsene Strukturen zerstört, ohne eine Vorstellung von Neuen zu haben. Die tagtägliche Bereitschaft, das Bestehende gegen etwas Besseres zu tauschen und den Wandel als Tagegeschäft zu leben, ist wohl die beste „Medizin,“ um in diesen unsicheren Zeiten bestehen zu können.

Der Weg aus der Krise führt oft über die Sanierung. Inwieweit ist die neue Richtlinie der EU-Kommission zur Gestaltung eines außerinsolvenzlichen Sanierungsverfahrens da wirklich eine Hilfe?
Aus meiner Sicht ist dies der größte Sprung für krisenbelastete Unternehmen im Wirtschaftsrecht seit mehr als 100 Jahren, denn die Öffnung eines rechtlichen Rahmens zur Sanierung außerhalb gerichtlicher Strukturen verändert das Handlungstableau zur Krisenbewältigung grundlegend positiv. Es erfordert ein Umdenken auf allen Ebenen und für alle in einem Sanierungsprozess Beteiligten, aber es eröffnet in erster Linie ganz neue strategische Optionen für vorausschauend planende Unternehmen.

Der Gläubigerkongress läuft in diesem Jahr unter dem Titel „Den Wandel zur Wende wagen“. Welche Eigenschaften braucht ein wandlungsfähiges Unternehmen Ihrer Ansicht nach?
„Nichts bleibt wie es ist“ wäre als unternehmerische Gewissheit vielleicht die angemessene Metapher für die notwendigen Eigenschaften zukunftorientierten Unternehmertums. Hatten eingeführte Geschäftsmodelle früher das Zeug über Generationen zu tragen, so leben wir heute in Zyklen von fünf bis sieben Jahren, in denen sich Geschäftsmodelle grundlegend wandeln und 50 Prozent der heute noch etablierten Geschäftsmodelle wird es in zehn Jahren nicht mehr geben. Wir sind in der Phase eines kreativen und zugleich zerstörerischen wirtschaftlichen Wandels und nur in diesem Wandel liegt auch die Zukunft für hochentwickelte Wirtschaftssysteme wie in Deutschland. Man mag das beklagen und Gewohntes vermissen, aber wir leben am Ende der Gewissheiten – und Donald Trump erinnert uns täglich daran.

Prof. Dr. Hans Haarmeyer ist leitender Direktor des Deutschen Instituts für angewandtes Insolvenzrecht (DIAI) und Herausgeber von return. Das Magazin für Transformation und Turnaround ist Medienpartner des diesjährigen Gläubigerkongress, der am 22. und 23. Juni in Köln tagt.

Der Beitrag „Wir leben am Ende der Gewissheiten“ erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.