Sebastian Paas, Bild: © KPMG

Die weltweit steigenden Investitionen in innovative Technologien zeigen: IT wird branchenübergreifend zu einem Schlüssel für Wettbewerbsfähigkeit. „Erfolgreich werden nur Unternehmen sein, die technologische Mega-Trends erkennen und für ihr Wachstum zu nutzen wissen“, sagt Sebastian Paas. Warum dennoch viele dieser Projekte scheitern und wie Manager mit solchen Misserfolgen am besten umgehen, erklärt der IT-Management-Experte von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG im Interview mit return.

Geopolitisch ist die Lage aktuell angespannt. Unternehmen bereitet das große Sorge, wie zuletzt auch eine Studie des IW Köln bestätigt hat. Ihre Befragung zeigt jedoch, dass fast 90 Prozent der CIOs weltweit unverdrossen weiter in technologische Innovationen und in Digitalisierung investieren. Wie erklären Sie sich das?
SEBASTIAN PAAS: Tatsächlich erlebt die Mehrzahl der IT-Entscheider die derzeitige Lage als immer unberechenbarer. Das zeigt auch unser aktueller Harvey Nash/KPMG CIO Survey, die größte Befragung von IT-Entscheidern weltweit. Um dieser Unsicherheit entgegentreten zu können, investieren die Unternehmen zum einen in immer schnellere und skalierbare Technologieplattformen. Zum anderen wird verstärkt in die Sicherheit der IT investiert. Schlussendlich kommt es insbesondere bei einem dynamischen Umfeld auch darauf an, mit innovativen Produkten und disruptiven Technologien am Markt voran zu gehen.

In welche Bereiche wird am meisten investiert und warum?
IT-Leader fokussieren sich wieder vermehrt auf die Stabilität, Verfügbarkeit und Performance der Basis-IT. In diesem Sinne investieren Unternehmen zum einen verstärkt in die Cloud. Die meisten Cloud-Anbieter sind heutzutage so spezialisiert, dass sie intern betriebenen Technologieplattformen gegenüber meist technologisch, prozessual als auch sicherheitstechnisch weit überlegen sind. Zu diesem Ergebnis kamen wir auch in unserem aktuellen KPMG Cloud-Monitor 2017. Dazu kommt ein gestiegener Bedarf an operationaler Effektivität und verbesserten Geschäftsprozessen. Hier wird verstärkt auf „Digital Labour“ gesetzt. Dabei geht es beispielsweise um den Einsatz von robotergesteuerter Prozessautomatisierung oder künstlicher Intelligenzen. Branchenspezifisch wird derzeit am meisten mit einer Erhöhung des IT-Budgets in den Bereichen Freizeit, Technologie und Gesundheitswesen gerechnet.

Wie wirkt sich die wachsende Komplexität von IT-Projekten aus?
Leider haben wir tatsächlich den Fall, dass die allgemeine Erfolgsrate von IT-Projekten gesunken ist. Das liegt zum einen an der wachsenden Komplexität, aber auch an der Notwendigkeit, innovative IT-Projekte immer schneller zu implementieren. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern, im Gegenteil. Unternehmen müssen ihre Prozesse soweit optimiert haben und auf eine starke Basis-IT zurückgreifen können, um Innovationen schnell und agil umsetzen zu können. Weitere Gründe für das Scheitern vieler IT-Projekte sind auch eine mangelnde Übernahme von Verantwortung seitens der Projektmitglieder, ein zu hoher Optimismus und unklar definierte Projektziele. Daran kann man aber arbeiten.

Wie lassen sich solche Misserfolge vermeiden – oder muss man Scheitern in diesen Fällen als Chance und Lernprozess begreifen?
Was wir brauchen, sind gute Vorbilder und Führungskräfte, die einen nachhaltigen Führungsstil pflegen. Die USA haben beispielsweise eine viel ausgereiftere Kultur des Scheiterns, davon können wir in Deutschland vieles lernen. Ich denke, hier können auch Führungskräfte unterstützen, indem sie ihre Mitarbeiter motivieren, Neues auszuprobieren und ihnen Raum geben zur Entfaltung, was auch mal ein Scheitern bedeuten darf.

Worin sehen CIOs die größte Bedrohung für Unternehmen?
Ein ganz zentrales Problem ist die Sicherheit. Die alarmierende Cyberattacke mit dem Schadprogramm „WannaCry“, welches unzählige private wie auch öffentliche Organisationen im Mai 2017 weltweit lahm legte, hat das wieder einmal drastisch gezeigt. Wir sprechen derzeit von einem 45-prozentigen Anstieg von schwerwiegenden Cyberattacken über die letzten vier Jahre. Unternehmen tun gut daran, hier weiter zu investieren. Zudem sehen viele IT-Leader den Widerstand gegen Veränderungen als größtes Erfolgshindernis für die eigene IT-Strategie und digitale Strategie. Der CIO der Zukunft muss das Thema Change Management noch stärker in seine Agenda aufnehmen und den Wandel zentral aus der IT heraus treiben.

Inwieweit sind Unternehmen aktuell tatsächlich für den digitalen Wandel gewappnet und wo sehen Sie noch Defizite?
Wie in den vergangenen Jahren auch fehlen Ressourcen mit geeigneten technologischen Fähigkeiten. Insbesondere in den Bereichen Big Data Analyse, Business Analyse und Enterprise Architecture ist der Bedarf um ein Vielfaches höher als das Angebot. Wie wir uns langfristig dagegen wappnen können? Digitalisierung und Informationstechnologie sollten verstärkt in unser Bildungssystem eingehen. Es ist kein Zufall, dass der Bildungssektor immer noch das Schlusslicht bei den IT-Budgets und -Investitionen darstellt. Zudem brauchen wir einen Kulturwandel in den Unternehmen. Wie bereits erwähnt muss der Digitale Wandel und ein kontinuierliches Change Mindset aus der IT-Organisation heraus gesteuert und gefördert werden.

Wie sind deutsche Konzerne im internationalen Vergleich aufgestellt?
Im weltweiten Vergleich können deutsche CIOs derzeit über ein relativ hohes Budget für IT-Ausgaben verfügen. Dabei halten sich jedoch die Ausgaben für die Digitalisierung noch in Grenzen. So liegt Deutschland im Trendthema Digital Labour nur knapp unter dem weltweiten Durchschnitt. Auch verfügt nur ein Viertel der von uns befragten IT-Leader über einen Chief Digital Officer. Zudem gibt es noch wenig Beständigkeit auf den Chefsesseln. Nach den Schweden, Dänen und Engländern, die am häufigsten den CIO wechseln, kommt an vierter Stelle schon Deutschland. Es bleibt also weiterhin spannend, was die CIOs der Zukunft aus der Strategie von heute herausholen werden.

Sebastian Paas ist Partner bei KPMG in Consulting und verantwortet den Bereich CIO & Technology Services in Deutschland. Seit mehr als 20 Jahren ist er auf Managementberatung in der IT spezialisiert und hat zahlreiche Projekte durchgeführt, zum Beispiel im Handel, der Konsumgüter- und der Automobilindustrie. Sebastian Paas berät mit seinem Team CIOs und das IT-Management im Hinblick auf die strategische Ausrichtung der IT. 

Der Beitrag „Wir brauchen gute Vorbilder“ erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.