Die Insolvenzen in der Türkei und in Russland sind rückläufig – dank staatlicher Intervention

Präsidialsysteme wie das in Russland und der Türkei zeigen, dass nicht jede Insolvenzstatistik aussagekräftig ist.

Glaubt man offiziellen Statistiken, so sind die Unternehmensinsolvenzen sowohl in Russland als auch in der Türkei rückläufig – trotz politischer Unsicherheiten und schlechter Konjunkturdaten. Demnach gingen 2016 in Russland 14,5 Prozent weniger Firmen pleite als im Vorjahr – die Zahl verringerte sich von 14.624 auf 12.500 registrierte Fälle. Noch auffälliger gestaltete sich die Entwicklung in der Türkei: Nachdem dort 2015 noch 13.701 Unternehmensinsolvenzen gemeldet wurden, waren es 2016 fast ein Fünftel weniger. Dabei hatte sich das Wirtschaftswachstum gleichzeitig auf knapp unter drei Prozent abgeschwächt – das war nur noch halb so viel wie in den Vorjahren.

Wie also kann das sein? Eben dieser Frage geht die Creditreform-Analyse „Unternehmensinsolvenzen in Europa, Jahr 2016/17“ auf den Grund und kommt zu dem Schluss: „Beide Länder leben in einer ‚Präsidialherrschaft‘, die es Erdogan und Putin ermöglicht, direkt in die Wirtschaft und die Stabilität der Unternehmen einzugreifen.“ Dank staatlicher Einflussnahme sei es letztlich auch gelungen, die Zahl der Insolvenzen zu verändern.

Gesetzesänderung sorgt für bessere Zahlen

Im konkreten Fall von Russland bedeutet das: Für die guten Werte dürfte unter anderem eine Änderungen im Insolvenzrecht verantwortlich sein. Seit Ende 2015 können unter bestimmten Bedingungen nämlich auch Selbstständige eine Privatinsolvenz anstreben. „Das dürfte die Zahl der Unternehmensinsolvenzen tendenziell verringert und die Zahl der Privatinsolvenzen erhöht haben.“, erklären die Studienautoren.

Dass gleichzeitig eine steigende Zahl an Firmenliquidationen außerhalb der Insolvenz festzustellen war, mache jedoch die weiter schleppende konjunkturelle Entwicklung deutlich. 2016 stagnierte die Wirtschaft, nachdem es im Jahr zuvor zu einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes kam. Vor allem der private Konsum steckt aber in der Krise. „Ein Blick auf das Insolvenzgeschehen in den Wirtschaftsbereichen zeigt eine weiter angespannte Lage im Bausektor sowie im Kfz-Handel“, heißt es in der Analyse weiter.

Staatliche Förderung stützt den Konsum

Ähnlich verhielt es sich in der Türkei, denn auch hier sorgte staatliche Intervention für eine geschönte Insolvenzstatistik. „Da der Konsum die Konjunktur dank staatlicher Förderung stützte, konnte angesichts der teilweise starken politischen Unsicherheiten (Putschversuch im Juli 2016) ein stärkerer Einbruch vermieden werden“, stellen die Wissenschaftler fest. Entsprechend positiv habe sich die Zahl der Unternehmensinsolvenzen entwickelt, die vor allem im Bausektor eine deutliche Entspannung aufwiesen.

Dass die wirtschaftliche Lage aber längst nicht so gut ist wie die Zahlen glauben machen, besätigt auch das Auswärtige Amt: „Sorge bereitet die im internationalen Vergleich auf sehr niedrigem Niveau stagnierende Sparquote bei gleichzeitiger Überschuldung einer zunehmenden Anzahl von Privathaushalten und Unternehmen. Durch die Förderung von Spareinlagen im privaten Rentenversicherungssystem soll hier eine Besserung erzielt werden“, heißt es dort. Zudem droht der Türkei weiterer Ungemach durch den Konfrontationskurs mit der EU. Schließlich wickelt das Land rund vierzig Prozent seines Außenhandels mit den EU-Staaten ab und erwirtschaftet durch den Tourismus einen nicht unwesentlich Teil am BIP.

Beispiel Ukraine zeigt ungeschönte Lage

Wie stark sich eine instabile politische und wirtschaftliche Lage auf die Zahl der Insolvenzen auswirkt, zeigt hingegen das Beispiel Ukraine. Hier sei das Insolvenzgeschehen ein „unverfälschter Spiegel der schwierigen aktuellen Situation“, stellen die Studien-Autoren fest. Die anhaltend schwere und tiefe Rezession der letzten Jahre zeige erhebliche Auswirkungen: „2015 beispielsweise brach das Bruttoinlandsprodukt um rund zehn Prozent ein. 2016 ist dieser Fall zunächst gestoppt. Die Wirtschaft hat sich leicht erholt, ist aber weiter sehr anfällig. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen erhöhte sich von 13.696 (2015) auf 19.853 Fälle in 2016 (plus 45,0 Prozent).“

Bild: © Gina Sanders / Fotolia, Text: Christin Otto

Der Beitrag Weniger Insolvenzen dank staatlicher Einflussnahme erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.