Michael Pachmajer

Konservative Werte von Unternehmen sind nicht zwingend ein Wettbewerbsnachteil – auch in Zeiten der Digitaliserung.

In den vermeintlich altmodischen Werten deutscher Familienunternehmen liegt im digitalen Zeitalter ein wichtiger Wettbewerbsvorteil, sagt Michael Pachmejer, Berater bei PricewaterhouseCoopers  (PwC). Zu den Vorreitern in Sachen digitaler Revolution gehört dennoch nur eine Minderheit der Betriebe. Wo der größte Nachholbedarf besteht und wie Unternehmer die richtige Strategie finden können, erklärt der Experte im Interview mit return.

Familienunternehmen gelten als über Generationen wertestabil, langfristig ausgerichtet und konservativ in ihren Strategien. Ist dem wirklich so und inwieweit ist ein solches Geschäftsmodell heutzutage überhaupt noch tragfähig?
MICHAEL PACHMEJER: In der Tat sind das die großen Stärken der deutschen Familienunternehmen und gerade in diesen, vermeintlich etwas „altmodischen“, Werten liegt ein wichtiger Wettbewerbsvorteil im digitalen Zeitalter. Denn Unternehmen, die in dritter oder sogar vierter Generation geführt werden, haben ihre Wandlungsfähigkeit bereits bewiesen: Wenn sie sich nicht immer wieder transformiert und technologische Umbrüche mitgemacht hätten, wären sie heute nicht mehr erfolgreich. Dazu kommt, dass Familienunternehmen durch ihren Fokus auf den Unternehmenserhalt für kommende Generationen oft einen sehr gutes Gespür dafür haben, was sie tun müssen, um langfristig und nachhaltig stark zu bleiben – und nicht nur auf einen schnellen Erfolg setzen. Sie sind bereit, in etwas zu investieren, was sich vielleicht nicht schon im nächsten Quartalsbericht positiv auswirkt. Sie haben einen längeren Atem, wenn es darum geht, neue Geschäftsmodelle einzuführen, weil ihnen keine Shareholder im Nacken sitzen. Dazu kommt, dass die vielen deutschen Hidden Champions in aller Regel qualitativ hervorragende Produkte haben. Die Aufgabe liegt jetzt darin, um diese Produkte herum digitale Services aufzubauen.

Im Zuge der digitalen Revolution fürchten immer mehr Unternehmen, den Anschluss an etablierte Konkurrenten und technologieaffine Newcomer zu verlieren. Ist diese Sorge berechtigt?
Ja und nein. Ja, weil diese Start-ups Geschäftsmodelle, Wertschöpfungsketten und Märkte disruptiv verändern können. Beispiele wie Google, Uber oder Airbnb zeigen schließlich eindrucksvoll, wie sie traditionelle Industrien verändern und zu neuen Marktplayern werden. Die Dynamik und die Innovationskraft, die von ihnen ausgeht, ist enorm.
Nein, weil Familienunternehmen und Mittelstand sich die Stärke dieser Unternehmen zunutze machen und nach Kooperationsmöglichkeiten suchen sollten – zum Beispiel über Inkubatoren oder Acceleratoren-Modelle. Denn noch einmal: Die Produkte des deutschen Mittelstands sind hochwertig. Kombiniert mit intelligenten Anwendungen für die Digitalisierung können tolle Win-Win-Situationen für die Beteiligten entstehen.



Inwieweit sind die Erfordernisse und Herausforderungen des digitalen Wandels in deutschen Familienbetrieben und Mittelstandsunternehmen tatsächlich schon angekommen?
Nach meinen Erfahrungen gibt es etwa 20 Prozent, die Vorreiter sind, bereits eine konkrete digitale Strategie besitzen und aktuell in der Umsetzung sind. Etwa 50 Prozent haben zwar erkannt, dass sie auf dem Gebiet der Digitalen Transformation etwas tun müssen, wissen aber nicht so recht, wo und vor allem wie sie anfangen können. Das sind die Unentschlossenen und Unsicheren. Sie brauchen eine Navigation wie unser d.quarks-Modell, damit sie den Mut fassen, schnell mit den notwendigen Veränderungen zu beginnen. Das restliche Drittel steht auf der Bremse und wartet ab. Das halte ich für falsch. Wenn diese Unternehmen nicht endlich Gas geben, laufen sie Gefahr, dass die anderen schon uneinholbar weit weg sind.

Eine neue Fehlerkultur ist gefragt

Wo gibt es bisher den größten Nachholbedarf?
In der Erkenntnis, dass digitale Transformation ganz viel mit der Unternehmens- und Arbeitskultur zu tun hat. Dass es darum geht, interdisziplinär und hierarchieübergreifend zu arbeiten. Dass eine neue Art von Fehlerkultur, Experimentierfreude und Schnelligkeit gefragt sind. Daneben gibt es Fachgebiete, auf denen viele Unternehmen noch nicht genügend Kompetenzen haben – zum Beispiel auf dem Gebiet von Big Data, also der zielgerichteten Datenerfassung, -analyse und -nutzung.

Ihr Digital IQ Report hat ergeben, dass viele Unternehmen zwar in die Digitalisierung investieren wollen, aber angesichts der vielen Möglichkeiten nicht wissen, in was. Welchen Rat würden Sie einem Unternehmer geben, der auf der Suche nach der richtigen Strategie und den passenden Digitalisierungstools ist?
Der wichtigste Rat: Bearbeiten Sie diese beiden Punkte nacheinander! Erst einmal müssen sich Unternehmen über ihre eigenen Digitalisierungschancen und -ziele klar werden, dann erst stellt sich die Frage nach der Technik. Technologie ist kein Selbstzweck. Erst einmal geht es darum, sich damit auseinanderzusetzen, was Digitale Transformation für das eigene Geschäftsmodell, die Unternehmensorganisation, die Prozesse und Mitarbeiter bedeutet. Danach schließt sich die Frage an, welche Fähigkeiten es dafür braucht. Und daraus entsteht dann ein konkreter Umsetzungsplan mit vielen kleinen Schritten. Damit das alles klappt, kann ich nur dringend raten, einen Chief Digital Officer zu benennen oder einzustellen, der das Thema treibt und eine enge Anbindung an die Unternehmensleitung hat.

Michael Pachmajer ist Berater bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers GmbH (PwC) für digitale Transformation bei Familienunternehmen und Mittelstand.

Der Beitrag „Ungefähr 20 Prozent sind Vorreiter“ erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.