Schre­ckens­ge­spenst war ges­tern“

Friederike Welter

Immer mehr Mitarbeiter erkennen die Vorteile, die vernetztes Arbeiten mit sich bringt. Die Digitalisierung ist somit längst keine Schreckensgespenst mehr für Angestellte, weiß Friederike Welter. Warum die Weiterbildung von Beschäftigten dennoch unabdingbar ist, erklärt die Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung im Interview mit return.

Wer den digitalen Wandel meistern will, braucht Mitarbeiter, die dies mittragen. Wie aufgeschlossen sind Arbeitnehmer gegenüber neuen Technologien?
FRIEDERIKE WELTER: Die deutschen Arbeitnehmer stehen dem Einsatz neuer Technologien aufgeschlossen gegenüber, obwohl 85 Prozent von ihnen erwarten, dass Teilbereiche ihrer Arbeit in den kommenden fünf Jahren automatisiert werden. Dieses Umfrageergebnis des Beratungsunternehmens Accenture belegt, dass die Digitalisierung längst kein Schreckensgespenst mehr in den Unternehmen ist. Im Gegenteil: Die meisten Arbeitnehmer erleben täglich an ihrem Arbeitsplatz, welche Vorteile die Vernetzung mit sich bringt: So hat gerade eine Befragung des Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn unter 1.400 Unternehmen aus dem Verarbeitenden Gewerbe in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg gezeigt, dass Geschäftsprozesse innerhalb der Abteilungen Vertrieb, Controlling und Einkauf in vier von fünf Unternehmen digital vernetzt sind. Man kann auch sagen: In den abteilungsinternen Bereichen, in denen die modernen Technologien die Abläufe erleichtern, beschleunigen und dadurch Kosten eingespart werden können, ist die Digitalisierung bereits angekommen.

Digitale Vernetzung innerhalb eines Unternehmens ist ein wichtiger Baustein. Wie weit sind deutsche Betriebe in dieser Hinsicht?
Der Anteil der Unternehmen, die abteilungsübergreifend ihre Vernetzung von Geschäftsprozessen organisiert haben, ist deutlich geringer. Nur fünf Prozent der Unternehmen haben alle Geschäftsbereiche miteinander vernetzt. Mit der Unternehmensgröße steigt der Vernetzungsgrad aber deutlich an: Der Anteil der mittleren und großen Unternehmen, die ihre Produktion mit anderen Abteilungen oder sogar unternehmensübergreifend digital abstimmen, ist beispielsweise mehr als viermal so hoch wie unter den kleinen Unternehmen.

Kleinen Unternehmen und Familienbetrieben wird nachgesagt, sie seien der Digitalisierung gegenüber oftmals nicht so aufgeschlossen wie größere. Ist dem wirklich so?
Natürlich verwundert es nicht, wenn gerade kleine familiengeführte Unternehmen sehr viel intensiver als managergeführte Unternehmen die Risiken abwägen, die mit jeder Investition verbunden sind. Auch ist das Argument von Handwerksunternehmern nachvollziehbar, dass die vielfältigen Tätigkeiten ihrer Mitarbeiter nicht durch Algorithmen ersetzt werden können. Dennoch schlummert in den kleinen Unternehmen noch großes Digitalisierungspotenzial. Überraschend dabei: Die Umfrage unter den verarbeitenden Unternehmen in den drei Bundesländern hat auch gezeigt, dass die kleinen Unternehmen dies anders empfinden: Sie sehen sich selbst im Digitalisierungsprozess vielfach besser aufgestellt als die mittleren und großen Unternehmen.

Was muss ein Unternehmer Ihrer Meinung nach tun, um den digitalen Wandel erfolgreich zu meistern?
Um frühzeitig notwendige Umstrukturierungen und Investitionen planen und initiieren zu können, ist es generell wichtig, regelmäßig die Gesamtunternehmenssituation kritisch zu überprüfen. Die Führungskräfte von kleinen Unternehmen sollten dabei gegebenenfalls auch externe IT-Expertise hinzuziehen, um die vielfältigen Trends und damit die Chancen der Digitalisierung für das eigene Unternehmen zu erkennen. Denn zur fortschreitenden Digitalisierung gehören nicht nur Maschinen, die miteinander kommunizieren und beispielsweise knappe Materialbestände rechtzeitig erkennen. Zu dieser Entwicklung wird zukünftig ebenso die Entwicklung von internetfähigen, “smarten“ Produkten gehören: Insbesondere im Verarbeitenden Gewerbe, wo ein Großteil der Wertschöpfung durch den Verkauf industrieller Waren generiert wird, wird es zunehmend entscheidend darauf ankommen, intelligente und über das Internet vernetzte Produkte und entsprechende datenbasierte Dienstleistungen anzubieten. Verkennen die Unternehmenslenker die hohe strategische Bedeutung dieser digitalen Schnittstellen, besteht die Gefahr, dass virtuelle Plattformanbieter Teile der Wertschöpfung vereinnahmen, indem sie sich zwischen das produzierende Unternehmen und seine Kunden schieben.

Inwieweit spielt die Weiterbildung von Mitarbeitern – auch in kleineren Unternehmen – eine Rolle, wenn es darum geht, fit zu sein für das digitale Zeitalter?
Die Weiterbildung der Beschäftigten bleibt natürlich ein wichtiges Thema: Hierbei geht es nicht nur darum, das technologische Verständnis der Mitarbeiter zu stärken, sondern auch die Bereitschaft zu kontinuierlichem Lernen oder das Denken über Unternehmensgrenzen hinweg zu fördern. Im Tagesgeschäft der kleinen Unternehmen bleibt oftmals wenig Zeit für strategische Überlegungen. Angesichts der Digitalisierungswelle, die aktuell über die Unternehmen hereinbricht, ist dies jedoch mehr denn je von Nöten. Nur dann gelingt es auch die Akzeptanz der Beschäftigten gegenüber den technologischen Veränderungen zu stärken und ihre Furcht vor Arbeitsplatzverlust zu mindern. Denn in zwei Punkten sind sich die Unternehmen jeglicher Größe einig: Ohne kompetente Mitarbeiter kann die Digitalisierung nicht umgesetzt werden. In Folge dessen wird auch von den Führungskräften kaum mit einem negativen Effekt auf die Beschäftigtenanzahl gerechnet.

Friederike Welter ist Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn und Inhaberin des Lehrstuhls für Management von kleinen und mittleren Unternehmen und Entrepreneurship an der Universität Siegen. Mehr unter www.ifm-bonn.org

Der Beitrag „Schreckensgespenst war gestern“ erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.