Der Brexit bleibt für Familienunternehmen, die in Großbritannien aktiv sind, nicht ohne Folgen. Was Sie wissen müssen.

Durch den Brexit drohen Steuerbelastungen, die durchaus existenzbedrohend sein können, warnen Experten der Wirtschaftskanzlei CMS Hasche Sigle. Worauf Unternehmer nun achten sollten und wie sie sich vor dem Worst Case schützen können, erklären Steuerberaterin Luise Uhl-Ludäscher und Rechtsanwalt Hans Christian Blum im Interview mit return.

Steuerberaterin Luise Uhl-Ludäscher und Rechtsanwalt Hans Christian Blum arbeiten für die Wirtschaftskanzlei CMS Hasche Sigle.

Großbritannien hat die Scheidungspapiere unterschrieben – die Austrittsverhandlungen mit Brüssel beginnen. Welche Familienunternehmen trifft der EU-Austritt besonders hart?
LUISE UHL-LUDÄSCHER: Betroffen sind insbesondere zwei Gruppen von Familienunternehmen: Deutsche Familienunternehmer mit Unternehmensteilen in Großbritannien und Familien, bei denen ein oder mehrere Familienmitglieder in Großbritannien leben oder beabsichtigen, dort zu leben. Letzteres dann, wenn diese Personen an einer deutschen Kapitalgesellschaft beteiligt sind oder diese Personen Anteile an einer deutschen Kapitalgesellschaft durch Erbfall oder Schenkung erhalten sollen. Zieht der Gesellschafter einer deutschen Kapitalgesellschaft ins Ausland, müssen Wertsteigerungen in den Anteilen auch ohne Veräußerung versteuert werden – hierbei handelt es sich um die sogenannte Wegzugsbesteuerung.

Auf welche möglichen Änderungen müssen sich Familienunternehmen gefasst machen?
HANS CHRISTIAN BLUM: Die konkreten Änderungen werden davon abhängen, welchen Status Großbritannien nach Abschluss der Austrittverhandlungen haben wird. Wenn Großbritannien den Status eines sogenannten Drittstaates haben wird, werden verschiedene steuerliche Begünstigungen entfallen, da diese regelmäßig an eine EU- oder EWR-Zugehörigkeit anknüpfen. Somit fallen die umfangreichen Vergünstigungen für betriebliches Vermögen weg, die jetzt noch nach dem deutschen Erbschaftsteuergesetz – das auch für Schenkungen gilt – gewährt werden. Entsprechendes gilt für Begünstigungen, die das Einkommensteuergesetz im Hinblick auf die sogenannte Wegzugssteuer gewährt.

Konkrete Regelungen stehen noch nicht fest. Ist es für Unternehmen dennoch möglich, frühzeitig herauszufinden, welche Folgen der Brexit in ihrem konkreten Fall haben könnte?
UHL-LUDÄSCHER: Die Familienunternehmer müssen prüfen, ob sie zu den genannten Fallgruppen gehören. Falls das der Fall ist, müssen die steuerlichen Konsequenzen für die verschiedenen Szenarien des Ausgangs der Verhandlungen unter den gegebenen Verhältnissen beurteilt werden, wobei voraussichtlich nur ein Szenario ohne EWR-Zugehörigkeit nachteilige Konsequenzen haben wird. Die zweijährige Verhandlungsphase kann und muss genutzt werden, um nach Prüfung der denkbaren Konsequenzen des worst case Handlungsalternativen zu untersuchen und abzuwägen.

Müssen Familienbetriebe mit immensen finanziellen Mehrbelastungen rechnen, die gegebenenfalls sogar existenzbedrohend sein könnten?
BLUM: Derzeit sind für die Schenkung und Vererbung von betrieblichem Vermögen in Großbritannien Steuerbefreiungen von 85 oder sogar 100 Prozent möglich. Diese Steuerbefreiungen entfallen und die Schenkung oder Vererbung wird voll steuerpflichtig, wenn Großbritannien zum Drittstatt wird. Die Steuerbelastung, die ohne die Steuerbefreiung anfällt, kann für den Beschenkten oder den Erben durchaus existenzbedrohend sein, da der Steuerlast kein Liquiditätszufluss gegenübersteht. Entsprechendes gilt für die Steuerlast aus der sogenannten Wegzugsbesteuerung, die ohne EU- oder EWR-Zugehörigkeit nicht mehr zeitlich unbegrenzt gestundet werden kann.

Wie sollten Familienunternehmer sich Ihrer Meinung nach wappnen, um nicht zum großen Brexit-Verlierer zu werden?
UHL-LUDÄSCHER: Es sollten vorgezogene Übertragungen der in Großbritannien gelegenen Unternehmensanteile in Betracht gezogen werden. Ist das nicht gewünscht, ist eine Steuerbegünstigung nach einem Brexit nur durch weitergehende Gestaltungen – regelmäßig Umstrukturierungen – denkbar. Auch diese müssten frühzeitig geprüft werden, da auch Umstrukturierungen nach einem Brexit teilweise nur noch eingeschränkt steuerneutral möglich sein werden.

Für CMS antworteten Hans Christian Blum und Luise Uhl-Ludäscher.

Der Beitrag „Nutzen Sie die Verhandlungsphase“ erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.