Mei­ne Bücher betrei­ben kei­ne Panik­ma­che“

Mit den Science Thrillern „Blackout“, „Zero“ und „Helix“ führt Bestseller-Autor Marc Elsberg seiner Leserschaft technische Risiken und bedrohte Werte vor Augen. Als Warner sieht sich der ehemalige Werber und Strategieberater aber nicht und äußert sich im exklusiven Interview außer zu Angriffen auf IT-Infrastrukturen auch zum Wandel in Unternehmenskommunikation.

Marc Elsberg, Autor von "Blackout", "Helix" und "Zero". Bild: ©Marc Elsberg
Marc Elsberg, Autor von „Blackout“, „Helix“ und „Zero“. Bild: ©Marc Elsberg

Herr Elsberg, wenn Sie einer Typisierung zustimmen: Zu welchem Schreibtypus gehören Sie?
MARC ELSBERG: Ich bin eher ein Planer, ähnlich einem Architekten, zumindest was die erste Hälfte des Buches angeht. Gärtner schreiben indes drauf los. Bei mir ist dann schon das Gros der Recherchen abgeschlossen. Diese Typisierung hörte ich jüngst bei der Vorstellung meines übersetzten Buchs „Blackout“ in den USA.

Warum ist „Blackout“ erst jetzt ins Englische übersetzt worden?
Das fragen Sie besser die Verlage. Jedes Jahr schaffen es nur circa 150 deutsche Titel ins Englische übersetzt zu werden. „Blackout“ war zuvor schon in 18 andere Sprachen übertragen worden. Aber die erwähnte Einteilung der Schreibertypen fand ich ganz einleuchtend.

Warum bedurfte es bei „Blackout“ des Untertitels „Morgen ist es zu spät“?
Alle meine Bücher tragen Untertitel, aber sie sind nicht von mir, sondern vom Verlag. Beim Erstling „Blackout“ hatte das markentechnische Gründe, denn der Begriff wurde schon mehrfach verwendet. Aber marketingtechnisch funktionieren die Untertitel ganz gut. Der erste stammt von meiner damaligen Lektorin, die „Blackout“ auch als Verlegerin gekauft hatte. Auf sie fiel die Wahl, nachdem mein Agent mein erstes Buch damals angeboten und nach vielen Angeboten ein Pitch zwischen verschiedenen Verlagen stattgefunden hatte, was erfreulich für mich als Autor war, gerade bei einer Premiere. Zumal ich zu der Zeit ja noch nebenher geschrieben und hauptberuflich in einer Werbeagentur gearbeitet habe.

Dem Vorwurf von Panikmache begegnen Sie mit welchem Gegenargument?
Dass meine Bücher keine Panikmache betreiben. Ich behaupte, eine ausgewogene Erzählweise aus verschiedenen Blickwinkel zu pflegen. Eher gehen Leser mit einem bestimmten Blickwinkel an Themen heran. Ich betrachte mich weder als Kritiker noch als Befürworter neuer Technik – und schon gar nicht als Warner. Ich will spannend unterhalten. Dazu greife ich Themen auf, die unsere Gesellschaft brennend interessieren (sollten). Ich will wohl Diskussionen anstoßen, damit wir uns Gedanken machen und zu einem Diskurs kommen, der uns leider verloren gegangen ist.

Sie betonen: „Blackout ist Fiktion.“ Doch Ihre Fantasie sei mehrmals „von der Realität eingeholt“ worden. Was war in Wahrheit schlimmer als Ihre Vorstellungskraft?
Während des Schreibens beispielsweise der Gau im Atomkraftwerk von Fukushima, wo wegen der Überschwemmung alle Notstromsysteme ausgefallen sind. Seit der Zeit gab es auch erste vorsätzliche Cyber-Angriffe von Hackern, etwa zu Weihnachten 2015 auf die ukrainische Stromversorgung.

Warum haben Sie sich ausgerechnet diesem Thema gewidmet?
Es lag nahe, aber vor „Blackout“ hatte ich ja schon ganz andere Bücher geschrieben. Das erste im Berliner Espresso Verlag hieß „Saubermann“ und war eine Politsatire über die ausgeklügelte Kommunikation für einen Kandidaten. Es erschien noch unter meinem richtigen Namen Marcus Rafelsberger, aus dem sich später das Pseudonym Marc Elsberg ergab.

Science Thriller statt Satire – warum verwenden Sie keinen Wiener Schmäh mehr, der doch als so beliebt gilt, wie’s jüngst noch beim neuen BVB-Trainer Peter Stöger hieß?
Ach, das damals war halt den Zeiten eines Politikers wie in Österreich Jörg Haider gewidmet. Danach habe ich zwischen 2004 und 2011 mit dem Hamburg-Krimi „Das Prinzip Terz“ und den beiden Titeln „Menschenteufel“ und „Wienerherz“ andere Gattungen veröffentlicht. Grundsätzlich hat Humor eine große Daseinsberechtigung, wie aktuell viele US-Erfolgsfilme zeigen. Bei „Helix“ habe ich auch eine Figur mit Humor eingebunden. In der Spannungsliteratur hat Österreich schon gute Autoren wie Wolf Haas, Thomas Raab oder Stefan Slupetzky. Und sicher hat nach der satirischen Krimi-Serie „Kottan ermittelt“ aus den 70ger- und 80ger-Jahren ein beachtliches Publikum auf Nachfolger gewartet. Wir Österreicher mögen auch gerne den Wiener Schmäh, aber er funktioniert auch nur hier, man muss ihn gut können, und er hat sich mittlerweile etwas verbraucht.

Haben Sie Ihre IT-Sicherheit gleich nach „Blackout“ verstärkt?
Ich mache sicher mehr als Durchschnittsnutzer, aber wir wissen alle: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Wer rein will, kommt rein. Worauf ich bei IT-Sicherheit setze, sage ich aber nicht. Zum Teil stehen meine Ideenskizzen aber nur auf Papier. Seit „Blackout“ habe ich mir auch viele Gedanken zum großstädtischen Verhalten gemacht. Mittlerweile habe ich mir angewöhnt Wasser und Nahrung für zwei Wochen als Vorrat zu haben. Früher hatten die Menschen auch gefüllte Speisekammern.

Wie sieht in der Produktionsphase der Arbeitsalltag als Buchautor aus?
Das kommt auf die Phase der Produktion an. In der Entwurfsphase lese ich viel. Ich bin kein Frühaufsteher und habe keine festen Schreibtischzeiten. Aus Erfahrung kann ich besser nachmittags und abends schreiben. Mitunter entwerfe ich nur Figuren oder Plots, die ich auf einer Seite herunterkritzle. In der Hochphase des Schreibens sitze ich meist nachmittags am Arbeitsplatz. Wenn’ s gut fließt, kann ich mich auch mal in der Früh’ hingeben, aber den disziplinierten Takt gibt’s nicht bei mir. Ohne Kinder wird mir zugegebenermaßen auch von außen kein Rhythmus vorgegeben. Nach Veröffentlichung eines Buches folge ich vielen Einladungen und unternehme viele Reisen, zum Teil permanent über sechs Monate.

Inwieweit profitieren Sie heute von Ihrem vorherigen Leben als Strategieberater und Kreativdirektor?
In Bezug auf die Werbung sicher dadurch, dass ich mit intensiv mit Produkten und Dienstleistungen auseinandersetzen musste. Als strategischer Planer galt es immer, den Kern herauszukristallisieren. Ich habe ja zuerst im Kreativen und dann im Strategischen gearbeitet. Beides hilft beim Schreiben. Am Anfang steht immer die Bearbeitung von Alltagsthemen wie bei „Helix“. Auch bei „Blackout“ stand am Anfang der Idee die Frage nach dem Was: Was passiert, wenn bei einem Stromausfall so viele Systeme betroffen sind? Und im Kern geht es immer um eine Antwort auf die Frage: Wie erzähle ich eine spannende Geschichte?

Bleibt Werbung nicht eher an der Oberfläche, während ein Roman in die Tiefe geht?
Klar dominiert bei Werbung über Social Media die Kurzform. Aber in beiden Disziplinen geht es um Storytelling. Stimmt der Kern meiner Story? – Erst dann weiß ich, ob ich überhaupt eine geeignete Geschichte habe. Als Kreativer, der ins Strategische gewechselt ist, passt zu mir als Autor auch der Architekt besser. Das Erkennen, ob meine Story interessant und relevant ist, entscheidet letztlich über den Publikumserfolg. Ideen ohne Publikum gehören auf Friedhöfe. Wobei es manchmal durchaus dauern kann, bis eine Idee ihr Publikum findet.

Da Ihr Berufswechsel mit Ihrer Buchpremiere im Jahr 2012 so lange noch nicht her ist und „return“ eine Management-Zeitschrift: Wie bewerten Sie heute – im Grundtenor mit positiven und negativen Entwicklungen – Strategie und Kreativität in Unternehmen?
Einige Entwicklungen in Unternehmen sind nicht mehr umkehrbar. Das hängt mit der Funktion von Kommunikation zusammen. Was früher „Kronen Zeitung“ und „Bild“ waren ist heute ist heute Facebook. Auch dort dominiert affirmative, nicht aufklärende Information, mit dem Ziel, Anzeigenplatz zu verkaufen. Journalisten wurden durch die User ersetzt, die Redaktion durch einen Algorithmus und ersetzen so die alten Massen-Boulevardmedien. Das haben Unternehmen erkannt. Die Änderung bemerken wir an der anderen Ansprache. Die Grundlage für Kontext, in dem Kommunikation und Werbung wie ich sie noch gemacht habe, ist fast komplett weggebrochen. Flyer, TV-Spots, Anzeigen – sowas sehe ich heute kaum noch. Ich habe keinen Fernseher, die Informationen im Digitalen zeugen von massiven Veränderungen.

Zum Besseren oder zum Schlechteren? Meine vorherige Frage zielte auf Ihre Wertung.
Das Grundrauschen ist massiv lauter. Als ich in der Werbung anfing, gab es nur wenige TV-Sender und ein paar Top-Printtitel. Heute ziehen Amazon bis Google die Algorithmen nach Kanälen und Zielgruppen immer enger. Ob Unternehmen all’ das mitmachen müssen? – Nein. Ob eine edle Schwarz-Weiß-Anzeige in einer Zeitschrift noch wahrgenommen wird? Vermutlich ja, wenn sie zur Story passt. Die Benetton-Kampagne hat damals auch mit statischen Motiven gearbeitet – und bleibt mir bis heute in Erinnerung. Aber mal ehrlich: Wer heute im Umfeld der Fernsehnachrichten um 20:15 Uhr wirbt, erreicht doch fast nur noch Leute ab 60 Jahren aufwärts. Wer jüngere Menschen antreffen will, wirbt mit viralen Videos auf Youtube. Die Zeit der klassischen Werbung ist schlicht vorbei – und auch damals gab es schon Oberflächlichkeit. Aber für Unternehmen gibt es auch heute keine Blaupause. Sie müssen wissen, wofür sie stehen, also welcher Geist die Firma beseelt. Oft wissen sie’s nicht. Eher funktioniert das in inhabergeführten Unternehmen, denn bei angestellten Managern gelang es mir seltener, sie dahin zu bekommen.

Umfragen ergeben regelmäßig, dass die Entscheider zwar IT-Sicherheit als eines der wichtigsten Aufgaben ansehen, in der praktischen Umsetzung nach Studien aber oft noch der ganzheitliche Schutz fehlt – insbesondere im Mittelstand. Halten auch Sie die Wirtschaft für noch unterversorgt?
Das ist sehr unterschiedlich, stelle ich fest, wenn ich unterwegs bin und dabei viel sehe. Einige Unternehmen strengen sich wirklich sehr an. Und sie wissen vor allem, was es bedeutet, an der IT-Sicherheit zu arbeiten. Sie sehen das nicht nur als Absicherung, sondern als Asset, um sicher zu liefern. Gestern noch wurde der Flughafen in der US-Stadt Atlanta für Stunden lahmgelegt, mehr als 1.000 Flüge wurden gestrichen. IT-Sicherheit ist also nicht nur eine Notwendigkeit, sondern ein echter Wettbewerbsvorteil. Ich erachte nicht nur sichere, sondern die Resilienz der Systeme für zeitgemäß. Aber in vielen Unternehmen und Behörden steht eine Frage über allem: Wer soll das bezahlen? Was ich nicht verstehe ist, dass noch immer Produkte und Dienstleistung auf den Markt kommen, die etwa im medizinischen Bereich innerhalb von Hospitälern vernetzen und damit einen Zugriff auf OP-Säle erlauben. Das Gleiche gilt für Smart-Home-Produkte wie elektrische Schlösser, die einfach zu knacken sind. Meines Erachtens bringt es Unternehmen um, wenn sie sowas verkaufen.

Umgekehrt nutzen Unternehmen wie Amazon die Möglichkeiten digitaler Marketing-Maschinerien, um uns passgenau Produkte zu liefern, noch bevor wir sie bestellen. Sie haben dies in einem Interview als „Alptraum“ bezeichnet und gläserne Kunden im „massiven Macht-Ungleichgewicht“ gesehen. Was genau stört Sie?
Noch nie hat eine Überwachungsgesellschaft etwas Positives hervorgebracht. Wir benötigen dafür nicht mal einen Diktator, sondern erreichen den Effekt durch klassische kapitalistische Belohnungs- und Bestrafungsmechanismen und durch den steigenden Konformitätsdruck. Den menschlichen Reflex beweist ein Experiment im Kindergarten. Zeigen wir ein Bilderbuch mit vielen Jungen und einem roten Ballon, aber nur einen mit einem blauen, wird fast jedes befragte Kind nur von Jungen mit rotem Ballon berichten. Man will zur Menge dazugehören, so funktionieren wir nun mal.

Sie sprechen von Uniformität durch Konformität?
Ja, Konformität ist ein schleichendes Gift, wie ich in „Zero“ erzähle. Das ist allerdings schwieriger zu beschreiben als die direkten physischen Folgen eines Blackouts: Strom weg, Essen weg, Wasser weg, tot. Meines Erachtens hat Edward Snowden mit seinen Enthüllungen zu den Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten einiges bewegt, allein gefährdete Journalisten vor Schlimmeren bewahrt. Konformität ist unser Feind. Ich bin verliebt in unsere Individualität, Kreativität, Innovationen, Fortschritte. Und ich frage mich: Warum schreit eigentlich die Wirtschaft nicht lauter auf, die von Innovationen lebt? Wir kippeln viel zu sehr an einem überaus kritischen Punkt.

Welche Sicherheiten möchten Sie denn beim Datensammeln garantiert wissen?
Genug Diskussionen dazu hat es ja schon gegeben, und die im Mai in Kraft tretende Datenschutzverordnung geht meines Erachtens in die richtige Richtung. Meine Daten dürfen nur nach verstandener Aufklärung mit ausdrücklicher Zustimmung verständlicher AGBs genutzt werden. Lehne ich das Sammeln meiner Daten ab, darf mir daraus kein Nachteil entstehen – etwa indem ich Dienste dann nicht mehr nutzen kann. Bei Kreditbewertungen und beim Versichern fände ich das ebenso wenig in Ordnung. In „Helix“ beschreibe ich solche Prozesse daran, wenn Grundlegendes aus dem Verhalten zu erkennen und auf die Gene zurückzuführen ist. Mir einen Nachteil einzuhandeln, weil ich einen Herzfehler habe, darf nicht sein. Mit der EU-Gesetzgebung befinden wir uns schon auf gutem Weg.

Aber absolute Ablehnung klingt nicht bei Ihnen heraus.
Ich unterscheide zwischen personenbezogenen und anderen Daten. Rolls Royce soll ruhig Daten in seinen Flugzeugtriebwerken sammeln. Aber sie dürfen nicht mit Passagierdaten verknüpft werden. In „Zero“ zeichne ich ein Datenkontenmodell auf, in dem für persönliche Daten von Unternehmen gezahlt wird. Aber spätestens, wenn Menschen ihre Daten aus der Not heraus verkaufen, wird’s dann auch kritisch.

Sie raten uns Endverbrauchern zum Verschlüsseln von Nachrichten und zum Suchen über andere Dienste als Google. Und Sie verweisen darauf, dass Bürger „einen besseren Datenschutz wollen und dies ein Geschäftsmodell ist, mit dem man auch Geld verdienen kann.“ Welche neuen Dienste und Produkte würden Sie sich vor allem wünschen?
Zum Teil gibt es sie schon. Ich bin neugierig auf eine neue App, die nach der Installation die Datenherausgabe vernebelt. Das neue Geschäftsmodell besteht dann in der Miete dieses Dienstes. Die Verschlüsselung von Meta-Daten, die etwas über meine Verhaltensmuster verraten, finde ich sinnig – ob bei WhatsApp, Mails oder Onlineshopping. (lacht) Aber hätte ich selbst eine geniale Geschäftsidee für ein solches Modell, würde ich es selbst entwickeln. Mir geht aber nicht nur um technische Lösungen, sondern auch um Regeln und Gesetze zum Verhindern von Missbrauch.

Apropos Geschäftsmodell: Nach „Blackout“, „Zero“ und „Helix“ – haben Sie noch weitere Ideen mit Alleinstellungsmerkmalen für mehr Science Thriller, oder schwebt Ihnen auch mal eine ganz andere Gattung vor?
Als Geschäftsmodell sehe ich das, was mich als Thema interessiert. Zu meinem Ziel zählt nicht der nächste Science Thriller, sondern die nächste Geschichte. Wenn sie eher in einem Familien- oder Liebesroman zu erzählen wäre, könnte das für mich auch ein Format sein. Ich setze auf brisante, relevante Themen. Und mit Blick aufs Medium: Aus „Helix“ ist mit der „Operation Helix“ eine interaktive Text-Adventure-App in der Verlagsgruppe Random House von Bertelsmann entstanden. Und „Blackout“ und „Zero“ werden verfilmt, aber am Drehbuch bin ich übrigens nicht beteiligt. Kurzum: Ich komme aus der Werbung und nutze verschiedene Instrumente zur Vermittlung meiner Geschichten. Grundsätzlich glaube ich zwar, dass ich bei Büchern bleibe, aber ich weiß, dass ich stets offen bin für andere Formate und Medien.

Zur Kulturkritik: Finden Sie – wie in Ihrem zweiten Buch „Zero“ zitiert – vom Deutschlandfunk richtig rezensiert, dass Sie „eine Prise Verschwörungstheorie, etwas Kapitalismuskritik und ein bisschen Staatsfeind Nummer 1 und reichlich Action“ zur packenden Story verrühren?
Das passt schon.

Haben Sie auch eine Vorsorge-Strategie gegen Schreibkrisen?
An Ideen mangelt es mir nicht, aber in welche ich mehr Zeit stecke, ist entscheidend, und ob ich die Geschichte hinbekomme. Dazu probiere ich zig Ansätze aus. Scheitern gehört dazu – auch beim Kreativen. Ich werde allerdings keinen echten Science Fiction schreiben. Ich möchte meine Leser im Hier und Heute abholen. Wenn ich dann weiß, worüber ich schreibe, kommt der Architekt und Stratege in mir zur Geltung, die mir gegen Schreibkrisen helfen. Eine Technik: Am Vortag einfach eine Szene nicht fertig schreiben, sondern am nächsten Tag dort anfangen, denn dann ist man gleich drin. Und auch eine leere Seite quält mich nicht: Ich zwinge mich dann einfach mit dem Schreiben anzufangen. Hinterher zu kürzen geht immer. In der Werbung hat mir ein erfahrener Kollege beigebracht, dass man die ersten drei Absätze in der Regel immer streichen kann. Davor habe ich also auch keine Angst. Auch Gärtner, die drauflosschreiben, müssen lernen zu streichen.

In „Helix“ thematisieren Sie vor allem kritische Kehrseiten von Gentechnik. Andererseits wünschen Sie sich abseits von „Hysterie, Ignoranz und Geschäftemacherei“ einen ersthaften Diskurs über die Zukunft der Menschheit. Was fehlt dazu?
Zur Biotechnologie fehlt eine informierte Auseinandersetzung. Das Thema ist verteufelt seit den Diskussionen über die grüne Gentechnik in der Landwirtschaft. Das war meines Erachtens die erste postfaktische „Fake News“-Diskussion. Danach ist das Thema auf anderen Ebenen nie mehr in Diskussionen angepackt worden. Wissenschaftler sind hingegen schon sehr weit mit Ergebnissen. Es klafft also ein Gap zwischen Wissen und Sein, das täglich immer größer wird. Im Ergebnis sind viele Leute baff, was heute schon alles möglich ist. Angst erzeugt Ablehnung. Grüne und rote Gentechnik sind in Europa heute meistens negativ besetzt.

Sie stellen sich also gegen die allgemeine Verteufelung?
Ich bin jedenfalls nicht für bedingungslose Verbote, aber auch nicht für skrupellose Geschäftemacherei. In der Medizin sind Bereiche bekannt, in denen Gentechnik gegen Leiden hilft. Auch in der Landwirtschaft verursacht zugelassene Gentechnik nach meinem Wissensstand keine gesundheitlichen Schäden. Wir müssen hier auch Technologie und unternehmerische Praktiken auseinanderhalten. Wenn wir schon eine Überproduktion von Nahrungsmitteln fahren trotz der Kehrseite in Afrika, wo Menschen dadurch nicht mehr vom Anbau leben können, sollten wir solche Themen gesamtwirtschaftlich und global betrachten und diskutieren. Eine informierte, differenzierte Diskussion wäre also wünschenswert.

Im Essay für die Zeitschrift „trend“ erinnern Sie daran, dass wir schon Gentechnik gewissermaßen auf der Haut tragen, da 80 Prozent der weltweiten Baumwolle aus veränderten Pflanzen stammt. Welche Antwort geben Sie auf die dort in der Überschrift aufgeworfene Frage: „Genscheiß oder Genverheißung“?
Das gilt es jeweils gut abzuwägen. Das Thema richtig zu beurteilen bedeutete vor zehn Jahren noch, von anderen Voraussetzungen auszugehen. Eine permanente Diskussion ist wichtig, denn Technik entwickelt sich weiter. Richtig halte ich selbstverständlich den Einwand von Gegnern, wenn ein Eingriff in den menschlichen Organismus an anderer Stelle neue Schäden verursacht. Mittlerweile ist das aber ein zum Teil ungültiges Argument, denn heute sind präzise Eingriffe ohne Gefahren vorzunehmen. Leider kommt bei solchen Entwicklungen oft die Politik nicht mehr mit, was wir derzeit den Aussagen zu CRISPR/Cas9 entnehmen können, einem einfachen und präzisen Verfahren zur Veränderung von DNA-Bausteinen im Erbgut. Letztlich ist es doch so, dass am Ende immer eine politisch-gesellschaftliche Entscheidung stehen muss, eine neue Technik zuzulassen oder zu verbieten.

Liegt nicht als nächstes eine Geschichte über Chancen und Gefahren durch lernende Systeme und Künstliche Intelligenz (KI) nahe?
Die läge nahe. Und übrigens denken auch viele, dass ich daran arbeite. Doch inzwischen mordet KI ja selbst schon im „Tatort“-Krimi. Gleichwohl beschäftigt mich das Thema massiv, aber noch sehe ich Auswirkungen, die mich interessieren, eher als Science Fiction. Mein nächstes Buch widme ich der Künstlichen Intelligenz also nicht – oder wer weiß?

Konkret an welchem neuen Buch arbeiten Sie?
(lacht) Das sage ich nicht! Ich arbeite an mehreren Themen. Welches sich für mein nächstes Buch eignet, muss sich noch erweisen. Erscheinen wird es voraussichtlich Ende 2018 oder spätestens 2019.

Wie wichtig sind für ein profitables Auskommen durchs Schreiben die Platzierungen in Bestseller-Rankings? Und welche zählen für Sie als echte harte Währung?
Im deutschsprachigen Raum sicher die „Spiegel“-Bestseller-Liste. Es ist nicht unwichtig, in solchen Listen vertreten zu sein, weil der Handel darauf schaut. Diese Art von Visibilität ist also befördernd. Allerdings sollen Buchverlage die Sticker mit Bezug zum Bestseller-Ranking nur noch gegen Bezahlung nutzen dürfen. Vielleicht sollten die Verlage umgekehrt überlegen, besser Geld für das Bestseller-Ranking-Logo auf unseren Büchern zu nehmen.

Berichten Sie bitte am Beispiel über das Auf und Ab in solchen Rankings.
„Blackout“ ist als Hardcover gut gestartet. Nach ein paar Wochen ist es aus dem Ranking hinausgeflogen. Später durch den Verkauf über Mund-zu-Mund-Propaganda wieder hineingekommen. Mit dem Taschenbuch hat der Titel dann ab 2013 eine erfreuliche Entwicklung genommen bis zu 1,5 Millionen verkauften Exemplaren nur im deutschsprachigen Raum. Mundpropaganda halte ich also für die wichtigste Verkaufsförderung. „Zero“ und „Helix“ haben übrigens an den „Blackout“-Erfolg angeschlossen.

Erachten Sie das Bezahlsystem der Verlage für Buchautoren als gerecht?
Was heißt schon gerecht? Für Bestseller-Autoren kann man über alle Formate hinweg grob einen zehnprozentigen Anteil des Verkaufspreises rechnen. Ein Taschenbuch, das sich 5.000 Mal verkauft, macht also keinen Autoren reich. Nach fünf Jahren gutem Verkauf von „Blackout“ kann ich vernünftig von den Einkünften leben. Hier in Österreich gibt es vielleicht eine Handvoll von Autoren, die vom Schreiben gut leben können. Viele verdienen sich zusätzlich ihr Geld durch Lesungen, die sehr zeitraubend sind, mit journalistischen Texten oder mit Werbung. Ich sehe mich in einer glücklichen, privilegierten Situation.

Sagt die Zahl verkaufter Bücher oder auch Musikträger etwas über die Qualität aus?
Dazu müsste mir jemand Qualität definieren. Schließt Qualität beispielsweise Popularität aus? Ein Kriterium ist nach meiner Einschätzung, dass ein Buch etwas Neues im Leben aufzeigen muss. Das kann auch von einem Wissenschaftler kommen. Verkaufszahlen sind nur ein Zeichen dafür, dass viele Leute mein Buch lesen wollen. Besonders wenige Verkäufe sind deshalb aber auch kein Indiz für besonders hohe Qualität. Die Unterscheidung zwischen ernsthafter und unterhaltender Literatur, die vor allem im deutschen Raum ins Feld geführt wird, interessiert mich nicht. Neulich las ich in einer Besprechung über Juli Zehs neues Buch diese seltsame Frage: „Ist das schon Genre?“ Solche seltsamen Argumente gibt es übrigens in beide Richtungen.

Das Gespräch mit dem Buchautor führte „return“-Chefredakteur Thorsten Garber in dessen Heimatstadt Wien. Weitere Passagen aus dem exklusiven Interview lesen Sie ausführlich in der aktuellen Ausgabe return 01/18 unseres Magazins.

Der Beitrag „Meine Bücher betreiben keine Panikmache“ erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.