Im Interview mit „return“-Chefredakteur Thorsten Garber spricht Dr. Mark Wilhelm über den Schutz und die Fallstricke von Manager-Versicherungen. Er und seinen Anwälte- und Beraterteam verteidigen Unternehmensführer unter anderem in Haftungsfragen von D&O-Versicherungen, etwa wenn der Deckungsschutz gefährdet ist.

Dr. Mark Wilhelm © Wilhelm Rechtsanwälte/Franklin Berger

Herr Dr. Wilhelm, in der Regel ist in der D&O-Versicherung festgelegt, dass der Versicherte sich mit dem Versicherer abspricht, andernfalls verliert er den Schutz. Ist das im Streit immer sinnvoll?
Mark Wilhelm: Wir unterscheiden auf zwei Ebenen: Bei zurecht festgestellter Haftung nimmt das Unternehmen den Manager in Anspruch. Der Versicherer lässt den Manager dann verteidigen oder zahlt. Zu diesem Zeitpunkt liegen die Interessen noch gleich. Wenn die Versicherung aber zur Aufklärung auch Infos erhält, die später den Deckungsschutz gefährden könnten, divergieren die Interessen stark. Manager müssen also massiv aufpassen, was sie sagen. Tendenziell schlagen ja die Versicherer zu beauftragende Anwälte vor. Wir haben aber schon einige Fälle übernommen, wo der Anwalt im Verlauf des Verfahrens vor einem Interessenkonflikt stand. Ein unabhängiger Anwalt, der allein die Interessen des Managers vertritt, ist also durchaus sinnvoll.

Unternehmen setzen vermehrt auf einvernehmliche Lösungen ohne Klage auch mit dem Manager, der ein Fehler gemacht hat. Für Sie geht der Trend weiter in Richtung Direktanspruch?
Dieser Trend zur Abtretung ist im Mittelstand klar zu erkennen. Auch wenn das in der Öffentlichkeit nicht opportun sein mag. Aber wenn der Manager keinen gravierenden Fehler gemacht hat, ist es sinnig, bei Schäden von im Schnitt zwischen fünf und 50 Millionen Euro auf Abtretung bzw. Direktanspruch zu setzen. Meist geht die Regulierung dann schneller, und der Manager kann weiter ungestört seiner Arbeit nachgehen.

Bei einem D&O-Schaden sind noch mehr Personengruppen mit zum Teil divergierenden Interessen involviert, etwa Gesellschafter, Investoren oder andere Gläubiger. Beschreiben Sie neuralgische Punkte in der Beziehung?
In der Tat entsteht in dynamischen Beziehungen schnell eine Konfliktlage, können Probleme im Kreis wandern. Nehmen wir als Beispiel ein mittelständisches Großunternehmen, bei dem in der GmbH ein Beirat oder in der AG ein Aufsichtsrat mit verschiedenen Gesellschaftern besetzt sein kann, die im Versicherungsfall um entgangene Gewinne bangen und Kompensation verlangen. Der Manager möchte vor allem wenig zahlen müssen. Was aber, wenn das Kontrollgremium womöglich seine Aufsichtspflicht verletzt hat? Beirat und Gesellschafterkreis könnten dann gegeneinanderstehen. Nur in krassen Fällen klagt ein Unternehmen aber gegen Manager und Aufsichtsrat. Häufiger geben Manager dem Aufsichtsrat eine Mitschuld. Versicherer nutzen Streit gerne zu Ihren Gunsten. Auch hier gilt: Wechselseitige Vorwürfe können den Deckungsschutz gefährden.

In Haftpflichtfällen erreichen die geltend gemachten Schadenersatzforderungen immer höhere Beiträge, wodurch auch die Kosten der Anspruchsabwehr steigt. Ist diese Aufwärtsspirale noch zu stoppen?
Ich würde das nicht als Spirale bezeichnen, sondern als Abbild einer normalen wirtschaftlichen Entwicklung. Firmen wachsen, wodurch etwa durch die Internationalisierung auch die Haftungsschäden zunehmen und die Deckungssummen steigen. Ich denke allein an die Produkthaftung für deutsche Firmen in den USA.

Neben D&O- oder Cyber-Versicherung: Welcher Schutz wird noch für Unternehmer an Bedeutung gewinnen?
Der Manager-Rechtsschutz erlangt mehr Bedeutung, weil dann die Übernahme der Verteidigungskosten geregelt ist. D&O-Versicherer verhalten sich wie erwähnt abwartend hinsichtlich der Regulierung. Wir raten also zum zusätzlichen Schutz. Die Rechtsschutz-Versicherung sichert den Manager ab und kostet auch nicht übermäßig viel. Dennoch ist die Marktdurchdringung mit zehn Prozent noch relativ klein. Mit Cyber-Versicherungen haben die Versicherer in den vergangenen zwei, drei Jahren einen eigenen Markt geschaffen. Sicher erzeugen neue Technologien auch neue Risiken, aber diese gibt es ja schon seit vielen Jahren. Insofern sollten Unternehmer prüfen, ob sie dafür ein neues Versicherungsprodukt brauchen. Bausteine, die schon in anderen Versicherungen enthalten sind, und neu abgedeckt werden, müssten dann zumindest aus den alten Verträgen gestrichen werden – und die Policen damit günstiger. Für Preisnachlässe sorgt das aber selten. Wir prüfen deshalb zunehmend auch Vorschläge, die Makler an Kunden im Management geben. Neue Pakete sind auch neu zu verhandeln.

Abgesehen von Haftung und Schaden: Negativ wirken sich Fehler für Manager insbesondere auch auf die Reputation aus. Wie beurteilen Sie dies – auch vor dem Hintergrund der Stigmatisierung gescheiterter Unternehmer hierzulande?
Als überaus relevant. Allerdings sind Unternehmen wie Manager selten gut genug vorbereitet auf Reputationsrisiken. Gegenmaßnahmen sind im Vorfeld zu durchdenken. Und wie bekomme ich die Kosten durch Reputationsschäden in den Griff? Das kann Teil der D&O-Versicherung sein, für besser und empfehlenswert halte ich eine eigens abgeschlossene Reputationsrisiko-Versicherung, aus der ich schnell finanzielle Mittel bekomme, um gegensteuern zu können.

Sie betonen Ihre Arbeit mit dem Management Tool, einer Software namens „Case – Strategy And Response“ (C-SAR), die Krisenstäbe in Kommunikation und Organisation unterstützt. Wie funktioniert die Fallbearbeitung auf der Plattform konkret?
Wir haben das Tool gemeinsam mit der TPS GmbH entwickelt, was ausgeschrieben steht für „Team Psychologie & Sicherheit“. Die psychologische Sicht halten wir für eminent wichtig, denn das richtige Denken und Handeln im Krisenfall gelingt nur super zeitkritisch. Denken Sie an einen Shitstorm im Internet, der schnelle Reaktionen verlangt. Hier haben Sie nicht zwölf Stunden Zeit, sondern nur drei. Die Systematik nach psychologischen und in rechtlichen Regeln ist extrem wichtig für den Erfolg. C-SAR funktioniert als Kommunikationsplattform, mit der Entscheider in Krisen arbeiten in Verbindung mit Stäben aus internen und externen Beratern. Sobald die Alarmmeldung eingeht, werden relevante Informationen in der Cloud gemeinsam von allen Beteiligten rund um das Unternehmen genutzt. Das Tool erhöht die Geschwindigkeit um den Faktor zehn, es enthält zum Beispiel auch Textbausteine für Pressemitteilungen, mit denen man individualisiert jeder Krise in Medien und in der Öffentlichkeit begegnen kann.

Das ausführliche Interview mit Dr. Mark Wilhelm über den richtigen Versicherungsschutz von Managern lesen Sie in der aktuellen Ausgabe 01/17 von „return“.

Der Beitrag „Manager müssen massiv aufpassen, was sie sagen“ erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.