Im Zuge der Digitalisierung verändert sich auch die Arbeitsweise in Unternehmen. Führungsetagen müssen sich auf neue Ansprüche ihrer Mitarbeiter einstellen, implementieren digitale Prozesse und stehen vor einer neuen Herausforderung, der Industrie 4.0. return ist im Gespräch mit Prof. Dr. Hubertus Tuczek und erörtert, inwiefern Industrie 4.0 und die Generation Y zusammengehören und worauf sich der Mittelstand gefasst machen kann.

Prof. Dr. Hubertus Tuczek. Bild: Bild: © Hochschule Landshut
Prof. Dr. Hubertus Tuczek. Bild: Bild: © Hochschule Landshut

Herr Prof. Tuczek, über Voraussetzungen für die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle diskutierten kürzlich beim „Leadership Forum“ an Ihrer Hochschule zahlreiche Führungskräfte der Wirtschaft. Was ist wesentlich?
PROF. DR. HUBERTUS C. TUCZEK: In der sogenannten ersten Halbzeit der Digitalisierung ging es zunächst um weltumspannende digitale Plattformen, die vornehmlich aus dem Silicon Valley in den USA vorangetrieben worden sind. Hierzu gehören zum Beispiel die Suchmaschine von Google, das soziale Netzwerk von Facebook oder auch die Taxi-App von Uber. Im 2. Schritt sind nun zunehmend digitale Services im industriellen Umfeld (B2B) – Stichwort Industrie 4.0 – gefragt. Hierbei handelt es sich allerdings nicht nur um die Vernetzung der Produktionsanlagen mit dem Internet, sondern auch um Produkte aller Art, die mit einer zusätzlichen Datenverarbeitung ausgestattet, neue Geschäftsfelder erschließen. Ein Beispiel: Die verbauten Sensoren in einem Automobil mit einer intelligenten Auswertesoftware verbinden, sodass jederzeit der aktuelle Verschleißzustand z.B. des Motors angezeigt werden kann. Für Gebrauchtwagenkäufer hochinteressant! Allerdings benötigt man für derartige digitale Geschäftsmodelle neben der Software-Kompetenz auch entsprechendes Kapital und Durchhaltevermögen. Eine echte Herausforderung für unseren Mittelstand, aber unabdingbar für eine erfolgreiche Zukunft!

Was bedeutet Digitalisierung für die Unternehmensführung?
Die Welt der Digitalisierung ist gekennzeichnet durch eine hohe Dynamik und eine große Komplexität. Um dieser Herausforderung erfolgreich begegnen zu können, ist neben den entsprechenden Kompetenzen eine starke Vernetzung innerhalb und außerhalb der Unternehmen erforderlich. Dies hat erheblichen Einfluss auf die Art und Weise der Führung der Mitarbeiter, da diese mit einem größeren Freiheitsgrad ausgestattet werden müssen, um sich in ihren Netzwerken schnell und flexibel bewegen zu können. Die Manager müssen also dieses Agile Mindset zunächst selber verinnerlichen und konsequent vorleben. Das bedeutet loslassen zu können und die Mitarbeiter mehr in Form eines Coaching zu unterstützen und die Netzwerke zu ertüchtigen. Der offenen Kommunikation und dem vertrauensvollen Umgang kommen hierbei ganz entscheidende Bedeutungen zu.

Stichwort Arbeit 4.0 – worauf können wir uns einstellen? Was kommt und was wird wegfallen?
Derzeit werden jeden Tag neue Zahlen gehandelt, wie viele Arbeitsplätze durch die Digitalisierung wegfallen. Die Wahrheit ist, dass es große Umwälzungen geben wird. Viele einfache Tätigkeiten wird man zukünftig durch intelligente Automatisierung und künstliche Intelligenz ersetzen können. Es entstehen aber auch ganz neue spannende Tätigkeitsfelder wie z.B. das des Data Scientist, eine Kompetenz die heute schon händeringend gesucht wird. Bezogen auf das Arbeitsumfeld bieten die digitalen Tools ganz neue Möglichkeiten der Arbeitsgestaltung. Neben der Arbeitszeit wird auch der Arbeitsort flexibel und Menschen arbeiten in Netzwerken und interdisziplinären Laboren hierarchieübergreifend zusammen. Digitalkompetenz wird genauso wichtig wie fachliche oder soziale Kompetenz. „New Work“ bietet individuelle Freiheiten und setzt – richtig umgesetzt – Kreativität für Innovationen frei. Der Erfolg dieser flexiblen Kollaboration wiederum hängt von der diskutierten Fähigkeit des Managements ab, sich auf diese neuen Rahmenbedingungen konsequent einzustellen!

Erst kürzlich erschien ihr Fachbuch zum Konferenzthema an der Hochschule Landshut: Band 2 der Reihe „Landshut Leadership“. Es befasst sich mit dem Thema „Management 4.0 und die Generation Y“ – Wo ist hier der Zusammenhang?
Ja, das ist ein sehr spannendes Thema und wird von vielen Missverständnissen begleitet. In dem Buch zeigen wir die Herausforderung des Managements im digitalen Zeitalter auf. Bei der Generation Y, die derzeit in das Berufsleben drängt, heißt es oft, dass sie nicht genug Biss haben. Tatsächlich verhält es sich aber so, dass sie einfach nur andere Ansprüche an ihre Arbeit haben, bei denen man sie absolut unterstützen kann. Eine Sinnhaftigkeit zu erleben, in einer offenen Kultur vernetzt mit den Kollegen zu arbeiten, selber gestalten zu können und agil auf neue Herausforderung einzugehen, sind genau die Werte, die auch das Unternehmen in einer Arbeitswelt 4.0 anstreben muss. Wenn man das erkannt hat, dann bilden das digitale Unternehmen und die Generation Y eine wunderbare Symbiose!

Prof. Dr. Hubertus C. Tuczek ist seit 2015 Professor an der Hochschule Landshut mit dem Lehrgebiet und Forschungsschwerpunkt „Führung und Management im digitalen Zeitalter“. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Führungserfahrung in leitenden Positionen der Luft- und Raumfahrt-, Automobil- und Zulieferindustrie im internationalen Kontext.

Der Beitrag Industrie 4.0 ist „echte Herausforderung für unseren Mittelstand“ erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.