Har­ter Brex­it gefähr­det deut­sche Lie­fer­ket­ten

Bild: © Melinda Nagy / stock.adobe.com

Unter einem harten Brexit würden vor allem die weit verzweigten Lieferketten deutscher Schlüsselindustrien leiden.

Die Produktion von Gütern wird immer internationaler: Einzelteile für Flugzeuge oder Autos überschreiten häufig zahlreiche Landesgrenzen, bis sie zu einem fertigen Produkt zusammengesetzt werden. Viele deutsche Industrieunternehmen sind auf solche Vorleistungen aus dem Ausland angewiesen – und nicht selten sitzen die Partner in Großbritannien. Allein 2014 lieferten die Briten Vorleistungen im Wert von rund 200 Milliarden Dollar in die EU-Staaten, davon entfielen fast 36 Milliarden auf Deutschland.

Der Brexit gefährdet diese enge Zusammenarbeit oder macht sie durch Zölle und andere Kosten zumindest teurer, sollten sich die Partner nicht auf ein Freihandelsabkommen einigen. Allein die Chemieunternehmen und die Automobilindustrie erhalten jährlich Vorleistungen in Milliardenhöhe aus Großbritannien. In die Gegenrichtung fließen ebenfalls Waren und Leistungen in Milliardenhöhe. Schon geringe Zölle würden die Preise nach oben treiben. „Die komplexen Lieferketten könnten durch den Brexit schlimmstenfalls gesprengt werden“, warnt IW-Wissenschaftler Berthold Busch. Wie eine IW-Rechnung zeigt, sind vor allem die Branchen des sonstigen Fahrzeugbaus – beispielsweise Luft- und Raumfahrzeuge –, der Metallbearbeitung und die Chemieindustrie auf Vorleistungen von der Insel angewiesen. Doch auch im Fahrzeugbau haben britische Zulieferer großen Einfluss auf die deutschen Partner.

Was Unternehmen Sorge bereitet

„Die deutsche Industrie würde ohne ein Freihandelsabkommen empfindlich getroffen werden“, sagt Busch. Auch auf der anderen Seite des Kanals sieht es nicht besser aus. Zittern müssen dort vor allem die Dienstleistungsunternehmen, die viele Geschäfte mit Deutschland und der EU machen. Einigen sich die Partner nicht auf zollfreien Handel und möglichst geringe nichttarifäre Handelshemmnisse, könnten die Kosten für die Industrie nachhaltig steigen. Dann könnten auch die Preise anziehen. „Am Ende würden dann auch die deutschen Verbraucher die Zeche zahlen“, sagt Busch.

Mit den Sorgen, die ein harter Brexit deutschen Unternehmen bereitet, hat sich auch eine Deloitte-Studie auseinandergesetzt. Demnach erwarten über 50 Prozent der Unternehmen nachlassenden Handel zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich und weniger Investitionen deutscher Unternehmen in UK. Mehr als jedes dritte befragte Unternehmen denkt im Falle des harten Brexits über eine Standortverlagerung in andere europäische Länder nach. Fast jedes Zweite würde weniger in UK investiere. Als größte Risiken werden eine höhere Komplexität und Kosten durch unterschiedliche rechtliche und steuerliche Regulierungen gesehen.

Auch auf die Zahl der Insolvenzen könnte sich der Brexit auswirken, wie der Rechtsanwalt John Hammond im Interview mit return erklärte: „Es gibt Studien, die prognostizieren, dass Insolvenzen in Deutschland durch einen Brexit bis 2019 um bis zu 1,2 Prozent höher ausfallen könnten. Die deutschen Exporte nach Großbritannien beliefen sich 2015 auf einen Wert von über 90 Milliarden Euro. Eine starke Abwertung des britischen Pfunds und der Rückschlag bei den BIP-Wachstumsraten würden die deutsche Exportindustrie negativ beeinflussen. Die Einführung von Zollprozeduren und mögliche Zolltarife würden zudem einen Marktverlust für deutsche Exporteure in Großbritannien bedeuten.“

Der Beitrag Harter Brexit gefährdet deutsche Lieferketten erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.