Haf­tungs­ri­si­ken adäquat absi­chern

Florian Knackstedt, der Leiter des „Kompetenzcenter Unternehmerkunden“ der Gothaer Versicherung, rät zu zeitgemäßem Schutz auch im Mittelstand.

Florian Knackstedt, Leiter des „Kompetenzcenter Unternehmerkunden“ der Gothaer Versicherung. Bild: © Gothaer

Herr Knackstedt, nach den Ergebnissen Ihrer „Gothaer KMU-Studie“ lassen 46 Prozent der befragten kleinen und mittleren Unternehmen einmal pro Jahr ihren Versicherungsschutz checken, 16 Prozent kennen ihren Überprüfungsintervall nicht. Warum ist eine Sichtung regelmäßig ein Muss?
Florian Knackstedt: Weil Unternehmen idealerweise dynamisch wachsen. Das kann schon durch einen neuen Erstauftrag mit Exportlieferungen in die USA und nach Kanada passieren. Schon benötigt das Unternehmen mehr Versicherungsschutz! Wir empfehlen einmal pro Jahr eine Überprüfung. Größere Unternehmen haben dafür sowieso einen Verantwortlichen, der dies mit unseren Beratern regelmäßig strukturiert analysiert. Im Geschäftsalltag, das muss ich eingestehen, haben Unternehmer verständlicherweise andere Themen als ihren Versicherungsschutz im Blick wie den eigenen Vertriebserfolg.

Im Muster Ihrer „Gothaer Risikoanalyse für Unternehmen“ ist neben Eckdaten zu Firma und Branche auch das „Risikopotenzial“ für einen Elektrowarenhersteller erfasst. Dabei sind bis zu 10.000 Euro sind als „selbsttragbar“ und bis zu 30.000 Euro als „liquiditätsgefährdend“ und als „existenzgefährdend“ eingetragen. Welchen Mindestschutz müsste der Inhaber in diesem Beispiel abschließen?
Wir empfehlen, den Abschluss der D&O-Police summenmäßig an der Höhe der Bilanzsumme zu orientieren. Die in der spartenübergreifenden Gothaer-Risikoanalyse genannten Werte eignen sich im Hinblick auf D&O-Versicherungen nur bedingt, vielmehr kommt es hier auf die individuelle Risikosituation an. Aus der Schadenerfahrung können wir jedoch sagen, dass die Anspruchshöhen im Unternehmensbereich selten im fünfstelligen Bereich liegen, sondern sich überwiegend im sechsstelligen oder Millionenbereich bewegen. Dies auch bei kleineren Unternehmen.

„Versicherungstechnisch eine Lücke“ bescheinigt die Gothaer-Studie beim D&O-Schutz für Geschäftsführer und andere federführend Verantwortliche. Beschreiben Sie bitte am Beispiel den Nutzen.
Die Regelungen zur persönlichen Haftung von Vorständen und Geschäftsführern werden seit einigen Jahren in Gesetzgebung und Rechtsprechung verschärft. Medien berichten immer häufiger über Fälle, in denen Unternehmensleiter und Aufsichtsorgane wegen behaupteter Pflichtverletzungen in Anspruch genommen werden. Oftmals steht dann nicht nur das gesamte Privatvermögen, sondern auch die Reputation der Organe auf dem Spiel. Die D&O-Versicherung hilft hierbei, dieses persönliche Haftungsrisiko adäquat abzusichern. Ein Beispiel: Der Geschäftsführer einer GmbH wird von den Gesellschaftern in Anspruch genommen, weil er es unterlassen hat, mögliche Subventionen rechtzeitig in Anspruch zu nehmen.

Die Verlässlichkeit einer Versicherung offenbart sich im Schadensfall. In D&O-Fällen zahlen viele Versicherungen zunächst nicht, behauptete jüngst in „return“ ein spezialisierter Verteidiger von Managern als Versicherungsnehmer. Dadurch gewinne der Druck über die Zeitverzögerung schnell an Dynamik. Wie ist die Hürde zu nehmen zwischen der Komplexität der Fälle und dem prompten Regulieren? 

Diese Problematik ist in der Tat eines der zentralen Themen bei der Regulierung komplexer D&O-Schadenfälle. In über 80 Prozent der Schadenfälle handelt es sich um Innenansprüche, das heißt die versicherte Person wird vom Unternehmen wegen einer – behaupteten oder tatsächlichen – Pflichtverletzung in Anspruch genommen. Die Verlässlichkeit der D&O-Versicherung aus Sicht der versicherten Person besteht hierbei in der Kostenübernahme für die Haftungsabwehr bei aus Sicht des Versicherers strittiger Haftungslage; diese erfolgt unverzüglich nach Erstprüfung der Inanspruchnahme. Insofern ist hier eine prompte Erbringung der geschuldeten Versicherungsleistung gegeben.

Aus Versicherungsnehmersicht, also hier aus Unternehmenssicht, kann in solchen Abwehrkonstellationen jedoch fälschlicherweise der Eindruck entstehen, dass Dinge verschleppt würden. Grundlage einer Entschädigungszahlung durch den Versicherer kann aber nur eine weitgehend eindeutige Haftungsfeststellung sein, die mithin auch gerichtlich festzustellen ist. In einer Vielzahl von Fällen – insbesondere bei nicht eindeutigen Haftungslagen, respektive beidseitigen Prozessrisiken – kommt es jedoch zu einem Vergleich, was die Regulierungsdauer des Schadens erheblich verkürzt. Aber auch in diesem Fall kann es bei komplexen Fällen mit gegebenenfalls auch internationalem Bezug zu Regulierungszeiten von mehreren Jahren kommen. Diese Hürde ist somit nicht wirklich eindeutig zu nehmen.

Halten Sie die Kostenübernahme für die Verteidigung des D&O-versicherten Managers für den wichtigsten Wirkhebel dieses Schutzes?
Aus unserer Sicht kann dies bejaht werden, es geht zunächst um den Schutz der wirtschaftlichen Existenz des versicherten Organes, insbesondere bei behaupteten Pflichtverletzungen.

Wodurch gefährden Unternehmensführer in der Praxis häufig den Schutz ihrer D&O-Versicherung?
Die Möglichkeiten des D&O-Versicherers, Versicherungsschutz zu versagen, ist in den vergangenen Jahren durch wettbewerbsgetriebene Reduzierung von Ausschlüssen in den D&O-Bedingungswerken auf ein Minimum gesunken. Allerdings sehen wir durchaus Fälle, bei denen Geschäftsführer oder Vorstände den Versicherungsschutz durch unrichtige Angaben in vorvertraglichen Fragebögen zur D&O-Versicherung in Gefahr bringen, zum Beispiel durch Verschweigen von bekannten Pflichtverletzungen oder bereits angekündigten Inanspruchnahmen.

Bankmanager gegen Haftungsrisiken abzusichern, galt nach der Finanzkrise als kein gutes Geschäft. Betrachten Versicherungen die Branche immer noch kritisch?
Financial Institutions wie Banken, Versicherer und ähnliche Institutionen sind nach wie vor als schwere D&O-Risiken einzuschätzen, wobei die jüngeren Prämienentwicklungen in diesem Bereich zeigen, dass die D&O-Versicherer sich diesen Risiken wieder offensiver nähern – zumindest jenseits der Großbanken. Die Gothaer zeichnet selbst keine Financial Institutions.

Betrachten Sie zur Risiko-Einschätzung von D&O-Versicherungen auch, welchen Platz im Ranking von Unternehmensinsolvenzen die Branche einnimmt?
Unsere Risikobewertungstools berücksichtigen immer auch einen Branchenindex, der regelmäßig aktualisiert wird. In diesem sind auch gesamtwirtschaftliche Entwicklungen und Risiken abgebildet, wie auch die Insolvenzwahrscheinlichkeit innerhalb einer Branche.

Welche Trends aus Marktforschung und Produktentwicklung sind nachhaltig für den Firmenkunden-Sektor abzusehen?
Nachfrage im Mittelstand erzeugt auf jeden Fall unsere Drohnen-Versicherung. Denn diese Fluggeräte setzen heute deutlich häufiger auch Firmenkunden ein: ob Immobilien-Makler, Dachdecker, Landschaftsgärtner, Landwirte oder auch die Feuerwehr. Zugleich steigt auch die Zahl der Policen für Cyber-Schutz. Im produzierenden Gewerbe haben wir neben Sachschadenversicherungen nachhaltiges Wachstum bei Betriebsunterbrechungsversicherungen. Denn die erstgenannte Police leistet bei Schäden wie Bränden, aber die zweitgenannte auch bei Produktionsausfall, wenn etwa wie beim Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull im Jahr 2010 durch den Stopp des europäischen Flugverkehrs plötzlich auch keine Teile mehr transportiert werden können (Anm. d. Red.: Allein für die betroffenen Luftfahrtunternehmen waren die finanziellen Folgen durch die Sperre auf täglich 150 Millionen Euro beziffert).

Wenn schon produzierende Betriebe wie der Laserhersteller Trumpf eigene Banken gründen, was hält größere Mittelständler dann noch davon ab, eigene Versicherungen aus der Taufe zu heben?
Die Kapitalausstattung, die Aufsichtsregularien, die Zulassungsvoraussetzungen und die hohen Markteintrittshürden. Volkswagen und BMW gründen vielleicht eigene Banken, aber sicher keine Versicherungen. Das ist in unserer Branche einfach zu kompliziert. Die BaFin, also die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, prüft jeden im Vorstand und im Aufsichtsrat auf seine Eignung – und zwar Expertise und Leumund. Wer zuvor ein Unternehmen in die Insolvenz geführt hat, wird sicher kein Versicherungschef. Die Versicherungsbranche verzeichnet kaum Neugründungen, selbst ausländische Versicherungen eröffnen hierzulande meist nur Zeichnungsstellen.

Wollen B2B-Kunden mittlerweile auch lieber digital bedient werden, oder ist die persönliche Beratung im Versicherungsgeschäft immer noch entscheidend?
Der persönliche Kontakt bleibt das Medium Nummer eins. Digitale Prozesse greifen heute schon stark im Privatkundengeschäft und „rund um den Marktplatz“ etwa bei kleinen Händlern.

Inwieweit verändert sich die Kommunikation in der Ansprache von Firmenkunden?
Unser selbstständiger Außendienst und die Makler setzen auf direkte Ansprache und persönliche Betreuung. Social Media spielt da noch keine große Rolle. Das liegt vor allem am mittelständischen Unternehmer, der die individuelle Beratung des Fachmanns am Tisch wertschätzt. (augenzwinkernd) Keiner schaltet sich da per Skype zu.

Das ausführliche Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe unseres Magazins.

Der Beitrag Haftungsrisiken adäquat absichern erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.