Gezielt gegen­steu­ern, aus Feh­lern ler­nen und neu anfan­gen“

Der langjährige Firmenberater und Insolvenzverwalter Jan H. Wilhelm, Partner der hww Partnergesellschaft, spricht im Interview über Erfahrungen mit insolventen Firmen, berichtenden Medien und über den die sich wandelnde Beraterszene.

Jan Wilhelm. Bild: © hww
Jan Wilhelm. Bild: © hww

Herr Wilhelm, die hww-Internetpräsenz startet mit dem Satz: „Wir sind eine der größten Dienstleistungsgesellschaften für Rechtsberatung, Restrukturierung, Insolvenz- und Zwangsverwaltung in Deutschland“. Steht die Fallzahl dann womöglich für Erfahrungsschatz?

Jan H. Wilhelm: Damit drückt hww ja nichts Anderes aus als: Wir haben Kapazitäten und Erfahrungen in diesen genannten Bereichen. Uns gibt es ja in vielen regional unterschiedlichen Ausgestaltungen. Ursprünglich war Brandenburg und Wilhelm eine reine Insolvenzverwalter-Kanzlei, dann kam, nach Gründung der hww;die Beratung und Zwangsverwaltung hinzu. Letztgenannte haben wir am hww-Standort Hamburg noch nie durchgeführt. Die allgemeine Darstellung sagt also nichts über unsere einzelnen Büros aus.

Ist inhaltlich nicht per se entscheidend, wie tief sich ein Verwalter in einer Branche und damit im jeweiligen Geschäftsmodell auskennt? Sie und Ihre Partner etwa waren ja oft im Rettungseinsatz bei Werften und Solarunternehmen

(augenzwinkernd) Der Vorteil meines Alters ist, dass ich schon Erfahrungen in Unternehmen fast aller Branchen habe. Außer Flugzeuge, die habe ich bisher noch nicht gebaut. Sicher fühlt man sich wohl, wenn man schon Erfahrungen in einer Branche gesammelt hat, aber wichtiger ist das betriebswirtschaftliche Know-how. Ein fahrender Imbiss-Stand und ein Großkonzern unterscheiden sich in den grundsätzlichen Konstellationen kaum.

Halten Sie es für besser, wenn sich eine Kanzlei systematisch in permanent besonders von Insolvenzen betroffene Branchen wie Handel, Gastgewerbe oder Bau einarbeitet, oder geht sie besser in jeweils aktuell schwächelnde Branchen wie derzeit Textil oder Möbel?

Der gute Verwalter nimmt, was kommt, und ist in der Lage, in jeder Branche gute Arbeit zu leisten. Durch die Entwicklungen gerade der Restrukturierung im Insolvenzverfahren hat es den Vorteil, dass er durch die Beteiligung von den Beratern im Vorfeld von denen häufig sehr sachkundig in Kurzform in die Problematiken eingeführt wird Im Zusammenwirken mit den Organen eines Unternehmens, ergibt sich ein sehr geraffter Informationsprozess.

Auf welche Branchen und Verfahrensgröße konzentriert sich hww künftig? Ihr Unternehmen hat kürzlich angekündigt, auf Kleinverfahren verzichten zu wollen, weil wegen der geringen Insolvenzmasse die Verwaltervergütung nicht kostendeckend sei.

Das ist richtig und deshalb auch die richtige Strategie. Aber nicht für jeden unserer Standorte. Für hww hier in Hamburg gilt das zum Beispiel nicht. Es kommt unter anderem auf die Personalstruktur am jeweiligen Standort an, so wird beispielsweise in Norddeutschland von hww jeder von den Gerichten kommender Auftrag angenommen und qualifiziert bearbeitet.

Sie waren auch vorläufiger Insolvenzverwalter des hierzulande ältesten Auktionshauses Schopmann, das unter anderem die Nachlässe von Inge Meysel und Evelyn Hamann versteigert hat. Sind solche Fälle mit „Promi-Effekt“ eher schwieriger zu bearbeiten, weil sie so viele Schlagzeilen verursachen?

Ach, damit kann man gut leben, solange die Prominenten nur einen medialen Effekt verursachen und nicht negativ aufs Verfahren einwirken. Dass mit den Nachlässen von derart bekannten Persönlichkeiten auch Emotionen verbunden sind, ist ganz normal.

Was empfehlen Sie Politik und Gesellschaft beim Umgang mit gescheiterten Unternehmern?

Alle sollten sich völlig offen gegenüber den geplanten Maßnahmen eines insolventen Unternehmens verhalten, denn das Scheitern im Unternehmertum ist nicht verdammenswert. es ist nicht strafbewährt wie Unterschlagung oder Insolvenzverschleppung. Sicher ist eine Krise immer sehr anspruchsvoll, aber es geht wie im Sport darum, weiterzumachen, indem man gezielt gegensteuert und aus begangenen Fehlern lernt und neu anfängt. Die US-Amerikaner schaffen es glänzend, mit dieser Haltung zu leben. Wir sind hierzulande auch auf einem guten Weg, aber es gibt immer noch Berührungsängste.

Und nun bitte noch zur Politik.

Diese kann sehr hilfreich sein, wünschenswert wäre, dass bei ausliegenden Bürgschaften aus der Vergangenheit hier in enger Absprache mit den neuhandelnden Personen nicht aus irgendeinem Formalismus eine Änderung eintritt, sondern, dass in Anlehnung auf die Restrukturierungspläne und die Marktgegebenheiten ähnlich wie bei dem ursprünglichen, werbenden Unternehmen gehandhabt wird. Schwierigkeiten entstehen stets dann, wenn die Beteiligten unzureichend kommunizieren, bzw. Entscheidungen nicht zügig gefällt werden, Zeit ist in einer Restrukturierungsphase ein nicht zu unterschätzender Faktor. Auch ist es wünschenswert, dass sich die politischen Entscheider gegebenenfalls bei dem Insolvenzverwalter über die Perspektiven direkt informieren, man muss jedoch berücksichtigen, dass auch der Wettbewerb durch seinen Einfluss auf die Politik häufig versucht, geltend zu machen, um das „Überleben“ des Unternehmens im besten Falle zu verhindern.

Überwiegen nicht per se die Kritiker und Neider, wenn’s Unternehmen mal nicht mehr so gut geht?

Natürlich befinden sich auch Krisenunternehmen bzw. insolvente Unternehmen im Wettbewerbsumfeld. Auch hier hat es lange gedauert, bis die Wirtschaft die Gewährung von Insolvenzgeld akzeptierte.

Diejenigen, die damals das Konkursausfallgeld als Betriebsmittel umfunktionierten, sind erheblichen Vorwürfen vieler Beteiligter ausgesetzt gewesen, auch da habe ich gelernt, dass man einfach auch aushalten muss, als kriminell bezeichnet zu werden. Diese Zeit ist glücklicherweise vorbei, aber auch ein Insolvenzverwalter hat sich dem Wettbewerb zu stellen und sich im Markt und mit seinen Äußerungen entsprechend zu verhalten.

Nebenbei muss jeder Unternehmens-Verwalter oder Restrukturierer wissen, dass seine Glaubwürdigkeit gerade der Arbeitnehmerschaft von seinem Verhalten abhängt. Diese müssen erkennen, dass er alles in seinen Möglichkeiten liegende unternimmt, das Unternehmen und somit die Arbeitsplätze zu erhalten.

Ihre Kollegen Burkhard Jung und Rüdiger Wienberg schrieben kürzlich in „hww kompakt“ mit Schwerpunkt zu Restrukturierung, dass sich „unser Markt rasant verändert“ hat. Während „das rentable Verwaltergeschäft nachhaltig rückläufig“ sei, werde das Restrukturierungs- und Sanierungsgeschäft „dauerhaft nachgefragt“. Welche Konsequenzen zieht hww daraus?

Das ESUG hat schon eine erhebliche Veränderung bei den Marktteilnehmern bewirkt, das genannte Sanierungsverfahren wird nochmal starke Impulse hierzu geben. Ich persönlich finde es erfreulich, dass Sanierungen und die dafür häufig notwendige Umstrukturierung sehr stark im Fokus aller Beteiligten angekommen ist und bin optimistisch, dass diese Entwicklung entsprechend weitergeht. Von daher ist die Aussage durchaus korrekt.

Ihre Kanzlei will „maßgeschneiderte Lösungen mit höchster Präzision“ liefern. Was ist damit gemeint?

(lacht) Das klingt eher nach einem Munitionshersteller. Nein, das soll lediglich sagen, dass mit der vorhandenen Erfahrung und den Kapazitäten wir davon ausgehen, für jede unternehmerische Problemstellung eine richtige Antwort entwickeln zu können, wobei man nicht häufig genug erwähnen kann, dass auch dieses nur in enger Kommunikation mit den Gläubigern erfolgen kann, die dieses letztendlich auch mittragen müssen.

Welche Kanzleien in Ihrem Wettbewerbsumfeld werden den Transformationsprozess erfolgreich durchlaufen, welche müssen weichen und welche neuen Wettbewerber erwarten Sie?

Neue Wettbewerber glaube ich nicht. Der gute Insolvenzverwalter ist ein Praktiker in der Unternehmensführung, der in Zusammenarbeit mit den Beteiligten aus dem Unternehmen und den zumeist vorher tätigen Beratern die optimale Besetzung für eine Restrukturierung und Sanierung darstellt.

Für erfolgreiche Restrukturierungen stehen aber auch professionelle Unternehmensberater.

Das ist richtig, es kann nicht genug betont werden, dass wesentliche Voraussetzung für einen Erfolg die Zusammenarbeit mit den Beratern und, abhängig welches Verfahren gewählt wird, dem Insolvenzverwalter darstellt.

Hat die Insolvenzverwalter-Szene insgesamt einen guten Ruf, vor allem wenn sich womöglich die Auftraggeber-Zielgruppe von den Richtern verlagert zu Entscheidern in Unternehmen?

Das ist zutreffend. Während in der Vergangenheit die Auftragsvergabe an die Insolvenzverwalter ausschließlich durch die Gerichte erfolgte, haben nunmehr mit Einführung des ESUG die Gläubiger einen erheblichen Einfluss. Gläubigerautonomie war schon immer die entsprechende Bezeichnung, hier werden nun die entsprechenden Hilfsmittel an die Hand gegeben.

Ja, aber unter Gläubigern verstehe ich auch Entscheider rund ums Unternehmen.

Banken und Versicherer sind dabei aber besonders hervorzuheben. Zu Ihrer Frage: Der gute Ruf von Insolvenzverwaltern ist meines Erachtens mit denen von Medizinern vergleichbar. Ich sehe hier auch viele Parallelen bei der Behandlung von Menschen und von Unternehmen. Wir unterscheiden uns darin übrigens deutlich vom Ausland. Frankreich etwa schaut bei seinen Insolvenzverwaltern auf eine andere Historie zurück. Unser Nachbar ist zwar innovativ in neuen Formen, in seinem klassischen Insolvenzrecht sind oder waren jedoch Entwicklungen, die für uns nicht nachvollziehbar waren.

Leistet Ihre Zunft eigentlich genug kompetente Lobbyarbeit, und gibt es zwischen BV ESUG und VID nicht schon ausreichend Interessenvertretungen, so dass es nicht noch der Gründung eines „Forums 270“ unter Ihrer Beteiligung bedurfte?

Die Lobbyarbeit funktioniert ja gut, wenn sich alle in Zielen und Projekten einig sind. Dann kann es gar nicht genug Mitstreiter geben. Jede Organisation kann ja verschiedene Herangehensweisen haben, solange Kompetenz und Qualität übereinstimmen. Die Entwicklung von kleineren Splittergruppen ist der Masse an Insolvenzverwaltern geschuldet, die seit der Wiedervereinigung entstanden ist. Alle Verwalter in einer Organisation zu vertreten, wäre kaum noch zu handeln. Streit untereinander gibt es nach meiner Kenntnis nicht.

Im Rückblick und Ausblick: Welches Wirken im Beruf war Jan Wilhelm wichtig, welches Engagement treibt Sie künftig?

Mir war immer die Betriebserhaltung wichtig – auch in sehr schwierigen Zeiten. Man muss durchhalten, wenn es betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, um ein Unternehmen nachhaltig zu retten. Und man muss alles versuchen, wenn es das Unternehmen rechtfertigt, um es wieder zukunftsfähig aufzustellen. Bei Beratern stört mich mitunter, dass sie sich nie mit Stakeholdern anlegen, obwohl sie sich vor ihr Unternehmen stellen müssten. Die Gesellschafter und Mitarbeiter haben einen Anspruch, dass sie auch bei schwierigen Umständen ggü Außenstehenden loyal unterstützt werden.

Was wünschen Sie Ihrem Berliner Kollegen bei der Suche nach Inveestoren für Airberlin?

In einem marktwirtschaftlich transparenten Prozess wäre ich persönlich froh, wenn wesentliche Bereiche zur Lufthansa kämen. Jeder Deutsche Vielflieger wird sicherlich ein Interesse haben, dass unsere Airline diesen Zuschlag zur Stärkung erhält.

Das Interview führte return-Chefredakteur Thorsten Garber im hww-Standort Hamburg. Weitere Passagen aus dem exklusiven Interview lesen Sie ausführlich in der aktuellen Ausgabe return 04/17 unseres Magazins.

Der Beitrag „Gezielt gegensteuern, aus Fehlern lernen und neu anfangen“ erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.