Mathieu Meyer, Bild: EY

US-Konzerne lassen europäische Unternehmen weiterhin hinter sich. Warum das so ist, erklärt Mathieu Meyer von EY.

Die europäischen Top-Konzerne mussten 2016 die US-amerikanische Konkurrenz weiter davonziehen lassen. Was genau bedeutet das in Zahlen?
Mathieu Meyer: Während die 300 umsatzstärksten US-Konzerne ihren Gesamtumsatz um 1,2 Prozent steigern konnten, verzeichneten die größten europäischen Unternehmen einen Umsatzrückgang von 1,6 Prozent. Auch bei der Profitabilität bauen die US-Unternehmen ihren Vorsprung aus: Die durchschnittliche Marge der US-Unternehmen stieg um 0,8 Prozentpunkte auf 12,7 Prozent. Die europäischen Unternehmen kommen im Schnitt nur auf eine Marge von 9,8 Prozent – eine Steigerung um 0,2 Prozentpunkte. Damit wirtschafteten die US-Unternehmen im vergangenen Jahr fast ein Drittel profitabler als die europäische Konkurrenz.

Wie schneidet Deutschland im europäischen Vergleich ab?
Unter den zehn umsatzstärksten Unternehmen Europas finden sich mit Volkswagen auf dem ersten, Daimler auf dem vierten, BMW auf dem achten und Siemens auf dem zehnten Platz immerhin vier deutsche Unternehmen wieder. Im Ranking der zehn gewinnstärksten Unternehmen Europas können sich ebenfalls vier deutsche Konzerne platzieren: Daimler belegt fast gleichauf mit dem Schweizer Pharmakonzern Roche den zweiten Platz, BMW und die Deutsche Telekom liegen auf dem fünften und sechsten Platz, Siemens auf Rang neun.

Woran liegt es, dass europäische Konzerne mit den US-amerikanischen noch immer nicht mithalten können?
Die europäischen Unternehmen haben trotz der Konjunkturerholung in Europa die Trendwende immer noch nicht ganz geschafft. Die amerikanische Konkurrenz wirtschaftete wesentlich profitabler. Im Durchschnitt bleiben bei US-Konzernen 30 Prozent mehr Gewinn hängen als bei ihren europäischen Wettbewerbern. Dabei profitieren die US-Konzerne von dem größeren Heimatmarkt und einem günstigeren Branchenmix – insbesondere mit ihrer stärkeren Ausrichtung auf Technologie und Dienstleistungen. Wie unterschiedlich die beiden Kontinente im Technologie- und Digitalsektor aufgestellt sind, zeigt der Blick auf das Ranking der gewinnstärksten Unternehmen: In den USA schaffen es sechs Technologiekonzerne, Kabelnetz- und Internetanbieter unter die Top Ten, in Europa nur die Deutsche Telekom. Gleichzeitig werden europäische Unternehmen nach wie vor strukturelle Probleme ausgebremst – eine hohe Arbeitslosigkeit, die hohe Staatsverschuldung und die zu schwach ausgeprägte Innovations- und Unternehmerkultur.

Besteht denn Hoffnung darauf, dass Europa in diesem Jahr endlich aufholen könnte?
Im laufenden Jahr könnte sich das Blatt tatsächlich zugunsten der europäischen Unternehmen wenden. Der niedrige Eurokurs wird den Unternehmen im Euroraum in diesem Jahr einen Wachstumsschub geben – das sehen wir schon bei den Unternehmen, die ihre Zahlen für das erste Quartal vorgelegt haben. Vor allem die stark internationalisierten Firmen, die einen erheblichen Anteil ihres Umsatzes im außereuropäischen Ausland erwirtschaften, werden von positiven Währungseffekten profitieren. Bleibt zu hoffen, dass sie diese günstigen Rahmenbedingungen nutzen, um an ihrer Profitabilität zu arbeiten. Von Vorteil ist zudem die fortschreitende wirtschaftliche Erholung. Europa kommt wirtschaftlich langsam wieder auf die Beine. Die Arbeitslosigkeit sinkt, das Verbrauchervertrauen und inzwischen auch die Investitionsbereitschaft der Unternehmen steigen. Zudem sorgt die Niedrigzinspolitik der EZB weiter für eine hohe Liquidität und günstige Konditionen für die Finanzierung von Investitionen. Andererseits bleiben die politischen Risiken natürlich hoch: In den größten drei – mit Italien möglicherweise vier – EU-Ländern stehen bis Herbst nationale Wahlen an.

Mathieu Meyer ist Mitglied der Geschäftsführung bei Ernst & Young (EY). Er leitet den Prüfungsbereich und besitzt mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Prüfung und Beratung mittelständischer sowie großer, internationaler Unternehmen.

Der Beitrag Europas Konzerne weiterhin im Hintertreffen erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.