Konstantin Druker

Mehrere Fußballklubs sind in den vergangenen Monaten durch eine Insolvenz oder finanzielle Probleme in die Schlagzeilen geraten. Vor allem in den Regionalligen schienen sich die Krisenfälle zu häufen. Warum ausgerechnet ambitionierte Traditionsklubs so gefährdet sind und wie Vereine den Turnaround meistern können, erklärt Konstantin Druker von der SRH Hochschule in Heidelberg im Interview mit return.

Herr Druker, in letzter Zeit haben sich die Insolvenzen bei Fußballvereinen gehäuft. Haben Sie die Meldungen überrascht?
KONSTANTIN DRUKER: Es sind zwar einige Meldungen mehr als sonst, vor allem in den Regionalligen, aber aufgrund der Strukturen und Anreize in den entsprechenden Ligen ist das nicht weiter überraschend. Jedoch in der Zahl auch noch nicht katastrophal. Mehr hätte es mich überrascht, wenn ein Zweitligist oder gar ein Bundesligist einen Insolvenzantrag gestellt hätte.

Was sind die häufigsten Gründe für solche Insolvenzen und wie kommt es, dass Traditionsvereine zum Teil Schulden in Millionenhöhe anhäufen?
Liquiditätskrisen und Insolvenzen sind meist die Folge mehrerer, parallel auftretender Ursachen. Man muss also jeden Fall einzeln prüfen, um die genaue Ursache zu finden. Der sportliche Erfolg ist natürlich oberste Priorität. Allerdings kann das zu einer zu ambitionierten Planung der Einnahmen und Ausgaben führen – ein besonders häufiger Krisengrund. Der Druck ist hoch. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Klubs als Gemeinschaftsprodukt von Fans, Wirtschaft und Politik zu verstehen sind. Die Politik muss sich gut überlegen, ob man auf einen Fußballklub in der Region verzichten kann. Die Antwort darauf ist besonders leicht, wenn bereits ein Stadion gebaut wurde. Ohne eine Mannschaft, die zum Beispiel mindestens in der Regionalliga spielt, würde dieses als Bauruine fungieren. Noch größer ist der Druck bei Traditionsvereinen. Aufgrund ihrer einst erreichten sportlichen Erfolge sind die Erwartungen an die Klubverantwortlichen höher als bei einer U-Mannschaft eines Profiklubs oder eines „kleineren“ Klubs ohne entsprechende Tradition, für den die Liga 3 oder 4 schon ein Riesenerfolg ist.

Was läuft Ihrer Meinung nach schief beim Management der Klubs?
Auch hier gilt es den Einzelfall zu betrachten. Jeder Klub hat seine eigene Umwelt, die sich sehr stark auf den Handlungsrahmen auswirkt. Ich gehe davon aus, dass kein Manager absichtlich einen Klub in die Insolvenz führt. In Krisenfällen wurden bei der Planung in der Regel aber bewusst höhere Risiken eingegangen.

Wenn der sportliche Erfolg oberster Gradmesser ist, hilft es in Krisen dann nicht, einfach mehr Geld für gute Spieler auszugeben?
Es gibt zwar einen positiven Zusammenhang zwischen Ausgaben für Spieler und dem sportlichen Erfolg, aber eben nicht zwangsläufig kurzfristig auf ein Spiel oder eine Saison bezogen. Das ist auch wichtig, ansonsten wäre der Ausgang eines Spiels vorher klar und der wesentliche Aspekt eines sportlichen Wettbewerbs – die Spannung – zerstört. Wenn jetzt mehrere Klubs ihren Kader hochwertig besetzen – im Vertrauen darauf, dass man durch den potentiellen sportlichen Erfolg die Ausgaben refinanzieren kann – aber nur einer oder zwei von ihnen den Aufstieg tatsächlich schaffen, dann hat das Team, das es nicht geschafft hat, nun „alte“ Schulden und muss in der nächsten Saison erst recht hohe Risiken eingehen, um eine Krise abzuwenden. Klappt es wieder nicht, dann ist man mehr und mehr insolvenzgefährdet. Hinzu kommt natürlich, dass Manager Fehler machen und unvorhergesehen Faktoren, wie der plötzliche Absprung oder die Insolenz eines Geldgebers, eintreten können. Dies beschleunigt den Krisenprozess.

Vor allem die Regionalliga ist für viele Fußballklubs offenbar kaum noch finanzierbar. Liegt das Problem hier im System selbst?
Kürzlich gab es dazu ein Interview mit dem DFB-Vizepräsidenten Rainer Koch, worauf der Präsident des Regionalligisten Rot-Weiss Essen mit einem offenen Brief reagierte. Dort werden die Positionen von beiden Seiten beleuchtet. Aus meiner Sicht sind die Regionalligen aus struktureller und anreizbezogener Sicht tatsächlich etwas extremer als die Ligen darüber. Das trifft ambitionierte Traditionsklubs am härtesten – denn es gibt viele von ihnen – vor allem in Relation zur Zahl der Aufstiegsplätze. Auf der anderen Seite sind diese Faktoren natürlich bekannt. Jeder Klub muss bei seiner Planung also das Risiko abschätzen können. Wirkliche Lösungen sind da letztlich zwei denkbar: Entweder die Zahl der Traditionsklubs reduziert sich und das System passt – oder dass System muss angepasst werden.

Wann müssen Klubs tätig werden und worauf müssen Manager achten, um sich nicht der Insolvenzverschleppung schuldig zu machen?
Eine Insolvenzverschleppung bedeutet für den Manager oder Vorstand, dass er privat für den entstandenen finanziellen Schaden gegenüber den Gläubigern haftet. Im Falle von Kapitalgesellschaften – also nicht eingetragenen Vereinen – könnte dies sogar strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Im eigenen Interesse sollten die haftenden Organe die Liquidität also immer im Blick haben und mögliche Krisensymptome nicht ignorieren. Aber Vorsicht: Auch ein zu früh gestellter Antrag kann zu einer Haftung führen. Wichtig ist, dass man jegliche Maßnahmen wie Verschiebungen von Zahlungsfristen nachweisen kann – und idealerweise alles schriftlich festhält.

Ist ein Verein wirklich zahlungsunfähig, welche Möglichkeiten hat er dann, den Turnaround noch zu meistern?
Kurzfristig geht es um liquiditätswirksame Sofortmaßnahmen, um die Insolvenztatbestände zu beseitigen und Zeit zum Handeln zu verschaffen. Dazu zählen häufig Stundungsvereinbarungen und Einmaleffekte aus Veräußerung von Vermögensgegenständen. Für Fußballklubs kommen natürlich auch die regionale Politik, die regionale Wirtschaft sowie die Fans als Retter in Betracht. Je früher man diese Parteien in die Kommunikation einbezieht und sie über die Situation informiert, desto größer sind die Erfolgsaussichten. Mittel- bis langfristig muss sich die Klubführung dann überlegen, wo man sportlich hin will. Sind die dazu notwendigen Ressourcen vorhanden, dann können auch kurzfristige Misserfolge abgefedert werden. Sind diese Ressourcen nicht im ausreichenden Maße vorhanden, muss das Management überlegen, ob es Risiken eingehen will. Dann bleibt nur noch zu hoffen, dass der schlecht planbare sportliche Erfolg doch zu Gunsten des eigenen Klubs ausfällt. Ist dem nicht so, wird der Turnaround wohl misslingen.

Konstantin Druker schloss an der Johannes Gutenberg – Universität Mainz ein Studium der Sportwissenschaft und der Betriebswirtschaftslehre ab und ist seit 2012 als akademischer Mitarbeiter an der SRH Hochschule in Heidelberg tätig. Dort lehrt er schwerpunktmäßig im Masterstudiengang Sportmanagement Module mit Finanzbezug. In seinem Promotionsprojekt bei Prof Dr. Frank Daumann an der Friedrich Schiller-Universität in Jena beschäftigt er sich mit dem Themenkomplex „Turnaround Management im Profifußball“.

Der Beitrag „Der Druck ist hoch“ erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.