Supermärkte bekommen Konkurrenz aus dem Netz. Bild: © Gina Sanders / fotolia.com

Eine Studie zeigt: Nur mit einem exzellenten Frischwarenangebot können sich stationäre Händler künftig behaupten.

Stolze 13,7 Milliarden Dollar zahlt der Online-Händler Amazon für die Übernahme der weltgrößten Biomarktkette Whole Foods Market – und steigt damit in großem Stil in den Handel mit frischen Lebensmitteln ein. Die Transaktion, deren Abschluss in der zweiten Jahreshälfte erwartet wird, mischt nicht nur die Branche in den USA auf. Auch hierzulande könnte sich Amazon schon bald als Bedrohung für den stationären Handel entwickeln. In Teilen Berlins und Potsdams können Verbraucher dank Amazon Fresh bereits frische Lebensmittel über das Internet bestellen. Zudem will Amazon nach einem Bericht der Handelszeitung auch in der Schweiz ins Online-Geschäft mit Lebensmitteln einsteigen. Demnach plant der Inline-Riese, dort sein Online-Food-Angebot „Pantry“ anzubieten. Amazon Pantry preist sich schon seit 2015 in Deutschland und Österreich als „Vorratskammer in der Box“ an und will den Wocheneinkauf beim Großverteiler obsolet machen.

Bei den Anlegern der Konkurrenz hat die fast 14 Milliarden Dollar schwere Übernahme für Panik – und einen zwischenzwitigen Ausverkauf bei Aktien von europäischen Einzelhändlern – geführ. Unbegründet ist die Sorge nicht, wie nun eine neue Studie der Strategieberatung Oliver Wyman zeigt. Demnach könnten Internet- beziehungsweise Multikanal-Supermärkte bei einem überzeugenden Onlineangebot bereits 2020 sechs bis acht Milliarden Euro des Umsatzes im Lebensmitteleinzelhandel aus dem Netz erwirtschaften – zulasten des stationären Handels. 2000 Märkte stünden auf dem Spiel. „Eine Bedrohung, die nicht unterschätzt werden darf“, sagt Rainer Münch, Partner bei Oliver Wyman und langjähriger Branchenkenner. Was die Situation verschärft: Nur jeder fünfte Deutsche ist davon überzeugt, dass Frischwaren in Supermärkten auf Dauer qualitativ hochwertiger sind. „Gerade die großen Händler stehen vor einer Herkulesaufgabe. Es reicht nicht aus, nur in Flagship Stores oder ausgewählten Märkten eine Frische der Weltklasse zu demonstrieren. Die Händler müssen vielmehr in der vollen Breite ihres Filialnetzes eine exzellente Leistung sicherstellen, um sich gegen den Angriff aus dem Netz zu wehren“, erklärt Jens Torchalla, ebenfalls Partner bei Oliver Wyman.

Um der neuen Konkurrenz entgegenzutreten, braucht es nach Meinung der Experten einen funktionsübergreifenden Ansatz, um den Frischegrad der Produkte erhöhen. „Ohne einen Quantensprung in der Frischeleistung überlässt der stationäre Handel Anbietern wie Amazon Fresh das Feld“, warnt Münch. Wer den Wandel meistert, dem winken hingegen Umsatzzuwächse in der Frische von bis zu zehn Prozent bei gleichzeitig signifikanter Verbesserung der Profitabilität, prognositzieren die Experten. Wie sich die Frische verbessern lässt, dazu hat Oliver Wyman sechs entscheidende Bausteine entwickelt:

1.     Optimale Produktqualität bis ins Regal. Diese gewährleistet ein rigoroses Lieferantenmanagement, eine konsequente Temperaturführung, effektive und risikobasierte Qualitätsprüfungen sowie ein durchgängiges Verständnis von Spezifikationen entlang der gesamten Supply Chain.

2.     Die richtigen Mengen zur richtigen Zeit. Mit dem optimalen Gleichgewicht von Automatisierung und Markteingriffen im Bestellprozess samt kurzer Vorläufe und einer integrierten Warenflusssteuerung lässt sich der Frischegrad flächendeckend spürbar erhöhen.

3.     Kollaboration statt Konfrontation mit Lieferanten. Allein durch eine verbesserte Zusammenarbeit mit Frischwarenlieferanten – von der integrierten Prognoserechnung über die Gesamtkostenbetrachtung in der Supply Chain bis hin zur gemeinsamen Sortimentsüberarbeitung – lassen sich im deutschen Lebensmittelhandel pro Jahr 1,2 bis 1,8 Milliarden Euro einsparen.

4.     Das perfekte Sortiment für jeden Standort. Mit filialindividuellen Sortimenten und einer Regionalisierung des Angebots können gerade Vollsortimenter lokale Nischen besetzen und schon damit ihre Kundenzufriedenheit und Umsätze signifikant steigern.

5.     Die optimale Präsentation. Dazu zählt eine umsatzgerechte Abteilungsgröße je Markt, und eine filialindividuelle Verteilung des Regalplatzes je Artikel ebenso wie passende Losgrößen bei der Belieferung und das lokal passende Angebot an Frischetheken.

6.     Exzellente Umsetzung in den Märkten. Klar definierte Best Practice-Prozesse von der Warenannahme bis zur Regalpflege, faire Leistungsziele je Markt, umfassende Schulungen sowie ein einheitliches Frischeverständnis der Mitarbeiter stellen einen überzeugenden Frischeauftritt sicher.

 

Der Beitrag Amazon setzt den Lebensmittelhandel unter Druck erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.